Die Vier haben mich nachdenklich gemacht. Vor ein paar Wochen haben sie ihr Abitur bestanden. Ihre Noten können sich sehen lassen. Da ist Jens. Seit drei Wochen trägt er die Uniform eines Fliegers. Mit seinen Stubenkameraden kommt er klar, sein Gruppenführer ist in Ordnung, der Zugführer, ein Oberleutnant ist es auch. Die ersten Blasen an den Füßen hat er sich geholt, und auf die Scheibe hat er auch schon geschossen. Dennoch möchte er lieber heute als morgen aussteigen. Er will nachträglich verweigern. Ihm erscheint der Dienst mit der Waffe wenig sinnvoll, das vorschriftsmäßige Falten des Arbeitsanzugs unsinnig. „Ist die Zeit nicht nützlicher gebraucht so fragt er, „wenn ich bei den Johannitern helfe oder in einem Altenheim?

Da ist Christine. Gerade kam sie mit ihrem Vater von Sylt zurück. Am Strand haben die beiden genächtigt, sie umsorgte ihn. „Endlich hatte ich um einmal ganz für mich“, sagt sie. Nachmittags fährt sie für eine Drogerie Waren aus, und nächste Woche besucht sie Freunde in Paris. Dann wird sie auf die Fremdsprachenschule gehen, Spanisch, Französisch und Englisch, Stenographie und Schreibmaschine lernen. Wahrscheinlich wird sie danach Jura studieren und sich auf ausländisches Recht spezialisieren. Je mehr du kannst, umso mehr wirst du später verdienen“,sagt der stolze Vater.

Da ist Heike. Von allen Vier hat sie die besten Abiturnoten. Verschwitzt und verdreckt kreuzt sie – mit einem Freund im Schlepptau – bei ihrer Großmutter auf. In einem Sommerlager bei Gorleben kampierte sie. „Doch da lief nicht viel“, sagt sie. Auch der Ausflug nach Berlin war ein Reinfall, weil sie den Karlsruher Freund, der wegen eines Demonstrationsvergehens in Haft sitzt, nicht besuchen durfte. Aus ihrem Rucksack lugt ein Flugblatt mit den herbstlichen Demonstrationsdaten. Ob sie mitmachen will? Vielleicht. Studieren? Mal sehen. Nach Nicaragua möchte sie. Bei der Alphabetisierungskampagne mitarbeiten. Deshalb Wird sie jetzt Spanisen lernen. Vielleicht wird sie aber auch Medizin studieren, um später in Südamerika zu helfen. Und der Vater? Wird er das Studium bezahlen? „Ich weiß nicht“, sagt sie, „vielleicht, vielleicht auch nicht.“

Da ist Stephan. Er hat den Antrag auf Wehrdienstverweigerung gestellt. Restaurateur möchte er einmal werden. Doch die Lehrstellen sind überlaufen, die Berufsaussichten düster. Kein Silberstreifen am Horizont. Ein wenig traurig läßt er sich treiben und wartet auf die Verhandlung, um Sein Gewissen überprüfen zu lassen.

Wie war es eigentlich damals, vor zwanzig, dreißig Jahren bei uns? Seien wir ehrlich: Auch wir wußten nicht, welchen Weg wir einschlagen sollten. Wir studierten Jura, weil der Vater es wünschte. Wir gingen zur Fremdsprachenschule, konnte ja nichts schaden. Soziologie gefällig, oder Germanistik? Wie lange hat der oder jener gesucht, bis er seinen Weg fand. Andere, der Not gehorchend, brachten ihre Ausbildung schnell hinter sich. Der Wunsch, Geld zu verdienen, war groß. Die Krise war noch nicht in Sicht. Kein Numerus clausus drohte, Lehrstellen gab es reichlich. Die ersten Studentendemonstrationen waren noch ein ersten wir revoltierten gegen die Preiserhöhungen der Straßenbahnen. Der Regen war noch nicht sauer, die Bäume lebten noch, und die Raketenzäune waren noch nicht so hoch, daß man vor ihnen erschrak.

Wenn wir jetzt gelegentlich hadern, weil die Jüngeren nicht so wollen wie wir, schwingt gewiß auch Neid auf eine Jugend mit, die in den Tag hineinlebt, sich treiben läßt, diesen schönen Sommer genießt und die Tage nicht zählt.

Wie schnell vergessen wir: Auch wir zählten damals die Tage nicht. Dafür schreiben wir den Jüngeren heute kluge Ratschläge ins Stammbuch. Demonstrieren? Kind, denk an die Chaoten! Nach Nicaragua? Denk an deine Altersversorgung! Verweigern? Dein Vater war auch Soldat! Restaurateur? Wer wirklich eine Arbeit sucht, der findet auch eine!