Nun ist der Kanzler gefragt", beendet die FAZ einen Kommentar. "Wo bleibt des Kanzlers ordnende Hand?", fragt Die Weh. Helmut Kohl befand sich zu diesem Zeitpunkt nur gerade schon auf dem Weg zu François Mitterrand. Ein Spaziergang im Wald mit dem Franzosen – das muß doch noch erlaubt sein.

Offene Irritation in der Union und ihrer Anhängerschaft wie selten zuvor: Bonn zeigt sich von seiner nervösen Seite. Das ist mehr als ein Sommer- oder Kasperletheater. Diesmal rollt die Kugel auf Helmut Kohl zu. Vorher war Franz Josef Strauß dran, der sich gerühmt hatte, den DDR-Kredit eingefädelt zu haben.

Die ganze Irritation von heute hat Hans-Dietrich Genscher mit seinem Interview vom Schwarzen Meer aus ausgelöst. Einen "Ausweg" bei den Raketengesprächen in Genf, so der Außenminister, böten vielleicht die Ergebnisse, wie sie die amerikanischen und sowjetischen Unterhändler, Nitze und Kwizinskij, bei ihrem Waldspaziergang im letzten Sommer erzielt hätten.

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"Wer öffentlich darüber redet, fliegt." So hatte der Spiegel den Kanzler zitiert, um dessen Entschlossenheit klarzumachen, Kompromißmöglichkeiten dürften nicht vor dem Publikum erörtert werden. Der Ärger über diesen Maulkorb des Kanzlers soll für Genscher mindestens ein. Motiv gewesen sein, wenigstens ein bißchen darüber zu reden. Und schließlich: Es kann ja auch nicht schaden, mit der Außenpolitik wieder selber mal Schlagzeilen zu machen ...

Seitdem fliegen in der Koalition die Fetzen: ein heißer Sommer vor dem heißen Herbst. Helmut Kohl dämpft Hans-Dietrich Genscher. Manfred Wörner rügt, der Außenminister sei mit seinen Kompromißäußerungen "wenig hilfreich" gewesen. Noch heftiger fährt der Regierungssprecher dem Vizekanzler in die Parade: Es sei eben eines der "Morgen-Interviews" gewesen, die man nicht unbedingt mit der Regierungspolitik gleichsetzen könne. Wer ist schon Genscher?

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