Schon Monate vorher war die Planung angelaufen. Sogar den Weg zur Arbeit hatten wir in unser Trainingsprogramm einbezogen. Denn unser Ziel war hochgesteckt: Wir wollten Korsika zu Fuß durchqueren, im Freien – ohne Zelt – schlafen, Berge erkraxeln, über Schneefelder balancieren und keine Abgase, sondern klare, frische Bergluft atmen.

Mit der Fähre ging es von Marseille nach Bastia. Mit dem Bus bis kurz vor Porto Vecchio, dann ein paar Kilometer landeinwärts nach Conca. Von dort aus wollten wir uns für gut zwei Wochen nur von den Markierungen der Verwaltung des „Parc Naturel Regional de la Corse“ dirigieren lassen – einem roten und einem weißen Balken, an Baumstämmen oder auf Felsen gepinselt. Das ganze nennt sich „GR 20“.

Für uns war „GR 20“ eine Herausforderung, der Reiz, etwas Neues zu erleben und nicht zu wissen, ob wir ihn schaffen – oder ob er uns schafft.

Zwei bayerische Kraftburschen hatten ihn gerade hinter sich, von Norden her, also von Calvi, aber gezeichnet schienen sie schon, auffallend schlank, schmale Wangen, dafür aber mächtig braungebrannt. Sie hatten nur 13 Tage gebraucht. Immerhin, erfreulich zu hören, Steigeisen seien nicht nötig – auch nicht im Circue de la Solitude, allenfalls in den Nordhängen des Cinto-Massivs. Aber man weiß ja nie – wir hatten die Steigeisen auf halber Wegstrecke, bei Madame Tho am Bahnhof von Vizzavona, hinterlegt, zusammen mit den Fressalien für die schweren nördlichen Etappen.

Die erste kurze Strecke zum Eingewöhnen, durch die Macchia, mit 15 Kilogramm auf dem Rücken, Schweiß auf und Dornen in der Haut. Sie war bald vergessen, denn die erste Nacht ließ sich gut an. Der Daunenschlafsack war fast zu warm, aber wir waren ja auch erst auf knapp 1200 Meter. Der Lagerplatz war eben, keine Steine – das sollte es nicht immer geben. Vorschläfer hatten den Platz mit Farn gut gepolstert, zum Einschlafen gab es endlose Grillenkonzerte, begleitet von Melodien aus unbekannten Vogelkehlen und über uns einen unglaublich klaren Sternenhimmel. Probleme hatten wir nur mit dem Wasser – das Rinnsal reichte gerade zur Suppe und zum Zähneputzen. Doch das sollte sich ändern.

Schon der nächste Tag führte zu reißenden Bergbächen mit ausgehobelten Felswannen, zum Baden, ja sogar zum Schwimmen wie geschaffen. Erfrischt erreichten wir den Col de Bavella: vom Sturm gefetzte Larico-Kiefern, Felstürme, die schemenhaft in Mittagsdunst ragten. Der Paß schien unersteigbar steil. Ein Blick zum Träumen. Verzaubert vergaßen wir fast den Muskelkater und die ersten Blasen an den geplagten Füßen. Am Ende des Asinao-Tals erhob sich über herrlich blauer Akelei der erste Gipfel, der Monte Incudine. Von oben hatten wir freien Rundblick: im Süden die Märchenwelt der Bavella, im Westen – im Dunst gerade noch erkennbar – verführerisch blinkende Badebuchten, weit im Norden weiße Bergspitzen, das vereiste Herz der sonnendurchglühten Insel. Da wollten wir hin.

Doch der Grat zog sich noch schier unendlich. Quellen waren in den überaus präzisen Karten verzeichnet, aber nichtsdestoweniger versiegt. Harte Etappen zwischen Himmel und Meer, aber jeden Tag wurde der Rucksack leichter, steigerte sich die Kondition und die Hoffnung, es zu packen.