Agefangen hatte es mit einem Radio-Interview Außenminister Genschers. Auf die Frage nach der Zukunft der Genfer Verhandlungen über Mittelstreckenraketen sagte er: „Hier kommt es darauf an, daß die Blockierung der Verhandlungen, die durch das Verlangen der Sowjetunion entstanden ist, die englischen und französischen Waffensysteme mitzuberücksichtigen, beseitigt wird.“ Und er hatte angespielt auf eine Kompromißformel, die die Unterhändler Nitze (USA) und Kwitzinskij (UdSSR) im Juli 1982 auf einem Waldspaziergang ausgeheckt hatten, die aber von ihren Regierungen damals nicht akzeptiert worden war. Ihr wesentlicher Aspekt: Die Sowjets sollten ihre gegen Ziele in Westeuropa einsetzbaren SS-20 Raketen (mit drei Sprengköpfen) auf 75 verringern, die USA dafür nur 75 Cruise-missile-Abschußgestelle (mit je vier Raketen) in Westeuropa nachrüsten und auf die ballistische Pershing II ganz verzichten.

In das sommerlich-stille Bonn schlug Genschers Bemerkung wie ein Dum-Dum-Geschoß ein. Auf der Rechten wurde sie als Aufgabe der Pershing II angeprangert, für die Welt gleichbedeutend mit der Anerkennung der sowjetischen Hegemonialrolle. Pressesprecher Boenisch versuchte mit der Erklärung zu beruhigen, für die Bundesregierung stehe ein Verzicht auf Elemente des Doppelbeschlusses „zur Zeit“ nicht zur Diskussion. Die Linke fühlte sich gleich doppelt herausgefordert: Genschers Vorstoß war von SPD-MdB Karsten Voigt als taktisches Manöver zur Beschwichtigung der Bevölkerung abgetan worden; die Erklärung von Boenisch wurde nun für Bundesgeschäftsführer Peter Glotz ein Versuch, Überlegungen zu einem Genfer Kompromiß „sofort öffentlich totzutreten“.

Der Bonner Streit beleuchtet vor allem, wie sehr die Positionen bereits vorgestanzt, die Reflexe programmiert sind. Offenbar kann in der deutschen Nachrüstungsdiskussion selbst Ungesagtes zum Zankapfel werden.

Aber seit wann ist es der Bundesregierung verboten, sich Gedanken über eine sinnvolle Genfer Lösung zu machen, erst recht, wenn sie sich für den Fall eines Scheiterns der Verhandlungen so eindeutig auf die Stationierung festgelegt hat wie die Regierung Kohl? Im übrigen ist das Waldspaziergangs-Papier schon lange in der Diskussion. Helmut Schmidt und François Mitterrand haben sich dazu bekannt, auch Helmut Kohl hat Interesse daran gezeigt. „Ich bin nicht raketensüchtig“, bekräftigte der Kanzler in Moskau, und das heißt: offen für einen sinnvollen Kompromiß.

Insofern wird er über die Signale der Bonner Sommerspekulationen an Moskau und Washington nicht nur unglücklich gewesen sein. Denn noch wird verhandelt und – zumindest auf westlicher Seite – nicht stationiert. Bis zum Jahresende bleibt daher die Chance für einen Kompromiß bestehen – und damit die Pflicht für deutsches Mitdenken, wie ein solcher Kompromiß erleichtert werden kann. (Sie auch Seite 6) cb