Von Margrit Gerste

Calgary

Auf dem struppig blondierten Haar trägt sie einen weißen Cowboyhut. Das blaue Kleid mit den weißen Punkten droht über ihrer Fülle aus den Nähten zu platzen. Hohe Sandaletten geben die Zehen frei, die sich längst ein Loch durch die Strümpfe gebohrt haben. Schwitzend balanciert sie durch den Staub, klettert unter die Tribüne, steigt über Sättel, Taschen, Stiefel und plumpst auf eine stählerne Verstrebung. In der Hand hält sie ein Mikrophon, im Schlepptau ihren Kameramann von TV Italiano. Nun strahlt sie den hübschen Jungen an, der gerade seine Jeans ganz ungeniert gewechselt hat: "Roberto, che fa il tuo ginocchio, dovrai smettere?" (Was macht dein Knie, muß du aufhören?)

Doch Roberto nennt sich längst Bobby, und italienisch spricht er auch nicht mehr. Seine neapolitanische Mama hat er mit sechzehn in New York zurückgelassen, ist abgehauen aus der Bronx in die Rodeo-Arenen des weiten Westens Nun klaut er keine Autos mehr, sondern reitet gefährliche Bullen, und das 300 Tage im Jahr auf 150 Rodeos in den USA und in Kanada. Zum Zweiten in der Weltmeisterschaft hat er es gebracht und auf 98 000 Dollar im vergangenen Jahr.

Vorgestern hatte er Glück und Pech zugleich. Sein bravouröser Ritt auf 2000 Pfund Muskeln und Wut mit dem schönen Namen "Mr. Chips" brachte ihm 81 Punkte und die Führung. Doch nach jenen acht langen Sekunden, die der Cowboy auf dem Rücken des tobenden Tieres bleiben muß, wurde er unsanft in den Staub geschleudert. Mr. Chips rächte sich und trampelte auf sein Knie. Auf "Caterpillar" machte Bobby heute keine so gute Figur – nur 64 Punkte. Sehr blaß und mit schmerzverzerrtem Gesicht schleppt er sich unter die Tribüne. Die rechte Hand, die mit dem Bauchseil des Bullen auf seinem Rücken festgezurrt wird, zittert noch heftig, der stramm bandagierte Arm ist leicht blau angelaufen, das Knie sieht auch nicht gut aus. Aber aufhören? Bobby lacht, "no way, auf keinen Fall. I’ll get myself psyched up – ich bring mich wieder auf die Beine. Es ist zuviel Geld im Spiel", sagt er in breitem Western-Akzent.

Bobby ist einer von über 300 Cowboys, die nach Calgary im Westen Kanadas zwischen Rocky Mountains und Grand Prairie gekommen sind zur alljährlichen "Calgary Stampede", des größten Rodeos von ganz Nordamerika. Eine halbe Million Dollar steht auf dem Spiel Hier sind versammelt: die besten Cowboys, die bockigsten Pferde, die "feinsten und gemeinsten" Bullen.

An die 100 000 Zuschauer aus Kanada, den USA, ja sogar aus Europa sehen zehn Tage lang eine mitreißende Veranstaltung. Und die Einwohner von Calgary werden vom örtlichen Boulevard-Blatt ermuntert: "Vergeßt für zehn Stampede-Tage die Rezession!" Vorbei ist es nämlich mit Ölboom und Spekulantentum, die Calgary noch vor zwei Jahren den Ruf einbrachten, das Dallas Kanadas zu sein. Über 600 000 Quadratmeter Bürofläche in den aus dem Boden gestampften Wolkenkratzern, die hinter der Wild-West-Arena in den Himmel ragen, stehen leer.