Auswegloser Libanon: Kommt der nächste Krieg?

Von Dietrich Strothmann

Es ging, wieder einmal, Knall auf Fall: Der libanesische Präsident Amin Gemayel war kaum zu seinem Flug nach Washington aufgebrochen, da lieferten sich auch schon rechte und linke Milizen in Beirut die ersten Straßenkämpfe seit Monaten. Der Gast war gerade im Weinen Haus zu seinen Gesprächen mit Präsident Reagan eingetroffen, als der Beiruter Flughafen nach einer monatelangen Feuerpause mit Granaten aus drusischen Geschützen belegt wurde. Der Libanon ist, 14 Monate nach der israelischen Invasion und knapp zwei Monate nach dem Abschluß des Abkommens zwischen Beirut und Jerusalem, nicht nur ein unregierbares Land wie ehedem, er ist auch ein unbefriedbares Land.

Selbst Ronald Reagan, dessen Friedensinitiative vom letzten September nichts einbrachte außer neuem Streit, kann ihm nicht mehr helfen. Ein paar US-Marines mehr, vielleicht, für die Multinationale Truppe, ein paar aufmunternde Worte für den hoffnungslosen Amin Gemayel und einen „vereinigten, souveränen, unabhängigen“ Libanon – das ist auch schon beinahe alles. Auch die Vereinigten Staaten, noch immer der einzige machtvolle Garant für eine friedliche Lösung des Nahost-Konflikts und der Libanon-Malaise, können das Blatt nicht wenden. In Washington, wo sich die Reagan-Mannschaft intensiv auf den Wahlkampf vorbereitet, heißt es bereits, der Nahe Osten sei von der Prioritätenliste des Präsidenten gestrichen worden. Was nicht geht – nach dem gescheiterten September-Vorstoß und der mißlungenen Friedensmission von Außenminister George Shultz –, geht eben nicht, lautet die jüngste amerikanische Einsicht. Letzten September hatte Shultz zu Reagans Initiative angemerkt: „Wird diese Chance vertan, gibt es keine neue.“ Er wird, wie die Dinge stehen, recht behalten.

Schmerzliche Einsicht

Zu solcher schmerzlichen, doch realistischen Einsicht hat die Amerikaner nicht allein die schier ausweglose Situation im Libanon genötigt, sondern wieder einmal auch Israel – ebenso Knall auf Fall: Kaum hatte Ministerpräsident Menachem Begin letzte Woche seinen Besuch im Weißen Haus „aus persönlichen Gründen“ abgesagt, entschied der Verteidigungsausschuß des Jerusalemer Kabinetts über den Plan zum Teilrückzug der israelischen Invasionsarmee bis zum Awali-Fluß, knapp dreißig Kilometer südlich der Beiruter Stadtgrenze.

Vollendete Tatsachen schaffen – dieser eherne Grundsatz israelischer Politik unter einem zwar kränkelnden, von Depressionen geplagten Regierungschef, wurde auch diesmal rücksichtslos praktiziert. Rücksichtslos gegenüber dem amerikanischen Verbündeten, der den Armee-Abzug als das beurteilt, was er vor allem ist: die Bestätigung israelischer Okkupationsabsichten auf längere Dauer; Angehörige des Jerusalemer Generalstabs sprechen bereits von mindestens fünf Jahren. Rücksichtslos auch gegenüber dem libanesischen Vertragspartner, dessen schwächliche, noch längst nicht einsatzbereite Nationalarmee in das gegenwärtig am heftigsten umkämpfte Gebiet in der Schuf-Bergregion nördlich der neuen israelischen Wehrgrenze einrücken soll. Der nächste Bürgerkrieg ist damit programmiert.