Von Nina Grunenberg

Ankara, im Juli

Jahrelang drückten sich deutsche Politiker um das "Türkenproblem". Nicht ein einziges Mitglied der sozial-liberalen Koalition kam je nach Ankara, um der türkischen Regierung die deutschen Sorgen wegen der 1,7 Millionen anatolischen Gastarbeiter offen vorzutragen. Die Unentschiedenheit des Handelns wurde von der aus schlechtem Gewissen stammenden Einsicht genährt, daß das Problem kaum den Arbeit und Brot suchenden Türken anzulasten war, sondern allenfalls der unendlichen Raffgier der Deutschen, die in der Blütezeit der Gastarbeiteranwerbung nur 300 Mark Verwaltungsgebühren bezahlen mußten, um sich einen Türken zu "kaufen". Seit dem Militärputsch 1980 ließ sich das Bonner Laisser-aller überdies noch mit der Abneigung begründen, die die "partielle Diktatur" der türkischen Generäle hervorgerufen hatte.

Nichts von dieser zwiespältigen Zurückhaltung scheinen die Konservativen im Kohl-Kabinett noch für sich gelten lassen zu wollen. Ungeachtet der politischen Quarantäne, die der naserümpfende Westen über den Allianzpartner Türkei verhängte, stimmen jetzt gleich drei deutsche Politiker der Spitzengarnitur die anatolische Hochebene, um in Ankara "deutsches Interesse" zu definieren: der Regierende Bürgermeister von Berlin, Richard von Weizsäcker, Arbeitsminister Norbert Blüm und Innenminister Friedrich Zimmermann. Ohne Angst vor 43 Millionen beleidigten Türken und einer leicht erregbaren Presse, die sich in bester osmanischer Eroberertradition angewöhnt hat, die Bundesrepublik als 68. türkische Provinz zu betrachten, schenkten sie den Türken reinen Wein ein – jeder auf seine Weise.

Der erste war Richard von Weizsäcker, als Bürgermeister von Berlin zugleich das Oberhaupt der größten türkischen Stadt auf deutschem Boden. Sein Charme nahm die Türken vom ersten Augenblick an gefangen. In ihren Augen verkörpert er jenen Typ des Deutschen, den sie verehren, seit Helmut von Moltke 1835 Instrukteur der türkischen Truppen war: weißhaarig, von natürlicher Autorität, mit Herzensbildung und Verantwortungsgefühl für die Mannschaften ausgestattet. Daß Weizsäcker nicht in der Position ist, um für sie viel tun zu können, sahen sie wohl, doch tat das ihrer Begeisterung für ihn keinen Abbruch.

Arbeitsminister Norbert Blüm war der nächste Besucher. Er hatte die Aufgabe, den Machthabern in Ankara die Rückkehrprämie für die türkischen Gastarbeiter verständlich zu machen – ein schwieriges Unterfangen, bei dem Blüm, wie es hieß, weder seine verbindliche Natur half noch sein Mutterwitz. Nicht einmal sein hervorgehobener Rang in der Bonner Regierung beeindruckte die Gastgeber. Aus unerforschlichen Gründen, die in der türkischen Mentalität ebenso liegen wie in der orientalischen Raffinesse, mit der sie sich auf taktische Fragen verstehen, behandelten sie ihn mit einer Herablassung, für deren unnachahmlichen Stil noch die Hohe Pforte bürgt. Offenbar fühlten sie sich dazu doppelt berechtigt, nachdem, sich Blüm als Angehöriger der Arbeiterklasse zu erkennen gegeben und Erinnerungen an seine Zeit als deutscher Gastarbeiter in der Türkei hervorgekramt hatte: Für kurze Zeit hatte er am Opernhaus von Ankara mitgemauert. In den Augen der türkischen Oberschicht sind das Geschmacklosigkeiten, für die ihr das Verständnis fehlt. Nach ihrer Vorstellung gehören Arbeiter auf die Baustelle, nicht an die Macht.

Die Fronten schienen klar zur Eröffnung der deutsch-türkischen Feindseligkeiten, als sich am Montag vergangener Woche Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann als Dritter auf den Weg machte. Die türkischen Zeitungen hatten ihren Lesern ein wahres Schreckensbild von ihm entworfen. Er wurde als stark und stur beschrieben, als hart und menschenverachtend. "Ein schweres Geschütz aus Bayern", überschrieb die Zeitung Cumhuriyet ihren Empfangsartikel. Sie schloß mit der Bemerkung, die Leser sollten sich nicht wundern, wenn Zimmermann beim Verlassen des Flugzeuges in Ankara ausriefe: "Türken raus!" Als eine Crew des Deutschen Fernsehens am nächsten Abend in eine Ankaraner Vorstadt fuhr, um die Stimmung einzufangen, berichteten sie von angsterfüllten, zitternden Menschen, denen der Name "Simmermann" den Schlaf raubte.