/ Von Rolf Zundel

Die Kneipe heißt „Zum Salamander“. Sie unterscheidet sich nur wenig von vielen anderen in Mülheim. Man findet sie, wenn man von der Fußgängerzone mit Warenhäusern, Geschäften und Cafés in den weniger ansehnlichen Teil der Stadt hinüberwechselt, wo die Straßennamen nicht mehr mit Schloß, Kaiser und Viktoria beginnen, sondern prosaischere Dinge bezeichnen: Bahnhof, Markt und Kohlen. Kunden des Wochenmarkts kommen für einen Schluck vorbei, und hinter der üblichen langen Theke künden Vereinswimpel von entschlossener Geselligkeit. Die Sängervereinigung, der Frauenchor „Bismarckhöhe“, der Frauenverein „Wat en Glück“ und das Rote Kreuz haben hier ihr Stammlokal, und auch der SPD-Ortsverein Ortsmitte (früher „Altstadt“) trifft sich hier – „solange ich denken kann“, erzählt ein Genosse.

Durch eine Tür zwischen Flipper- und Zigarettenautomat sieht man den Versammlungsraum. Der Vorstand, etwa zehn bis fünfzehn Genossen, tagt schon. An der Theke feuchten sich noch einige Mitglieder die Kehle mit Pils oder Alt an. Die Unterhaltung tröpfelt: Wetter, Urlaub, kaum Politik. Ein älterer Genosse in Lederjacke und Krawatte erzählt, wie er früher, es muß schon lange her sein, einen Kollegen, der bei den Kommunisten organisiert war, zur SPD geholt hat. „Du bist doch inne falsche Partei“, hat er ihm gesagt. „Der konnte schon mal brutal sein“, schildert er ihn, aber es klingt eher anerkennend: „Da war auch wat hinter.“

Nicht viel anders ist das Ambiente in der Gaststätte „Zum schrägen Eck“, wo sich der Ortsverein Eppinghofen trifft, obwohl Eppinghofen sich in einem Punkt erheblich von Stadtmitte unterscheidet: In der Selbsteinschätzung der Mitglieder steht Eppinghofen am weitesten rechts unter den zehn Ortsvereinen von Mülheim (23 Prozent der Eppinghofer Mitglieder haben sich links eingestuft, 33 Prozent rechts); Stadtmitte aber rangiert nach dieser Skala am weitesten links (38 Prozent links, 10 Prozent rechts). Beide Ortsvereine sind im übrigen aus dem zu groß gewordenen Ortsverein Altstadt hervorgegangen, der früher als Beamten-Verein bekannt und vom SPD-Oberbürgermeister dominiert war.

Eppinghofen dagegen – das sind im Parteijargon „die Mannesmänner“. Während im Vorstand von Stadtmitte die Kommunalverwaltung und die Gewerkschaft ÖTV weit überwiegen, geben in Eppinghofen die in der IG Metall organisierten Betriebsräte der Mannesmann-Röhrenwerke AG den Ton an. Man kann’s auch mit einem Namen ausdrücken: Hans Meinolf, Vorsitzender der SPD-Betriebsgruppe bei Mannesmann.

Die Trennung scheint beiden Ortsvereinen gut bekommen zu sein; Stadtmitte zählt jetzt 470, Eppinghofen 310 Mitglieder; beide liegen damit noch weit über dem Durchschnitt (etwa 160 Mitglieder) der 1800 Ortsvereine in Nordrhein-Westfalen, und sie gehören sicher zu denen, die relativ aktiv sind. Sie treffen sich etwa jeden Monat einmal; etwa die Hälfte der nordrhein-westfälischen Ortsvereine kommen nur vierteljährlich oder noch seltener zusammen. Und im „Schrägen Eck“, so jedenfalls erzählt Meinolf, gehen jetzt viele zu den Versammlungen und diskutieren, die im „Salamander“ bei den Beamten nie aufgetaucht wären, geschweige denn ihren Mund aufgemacht hätten. Hier unter Kollegen redet’s sich leichter.