ARD, Mittwoch, 20. Juli: „Der vergessene Widerstand – Die Linke im Dritten Reich“, Dokumentation von Thomas Morawski

Menschen legten Zeugnis vor den Kameras ab, die in unserer hierarchisch gegliederten Gesellschaft immer noch die „kleinen Leute“ genannt werden – oder, wie unter Hitler, „einfache Männer und Frauen aus dem Volk“. Klein und einfach: zwei Adjektive, deren Bedeutungsgehalt auf vordemokratische Muster verweist. Verachtung ist im Spiel, wenn man der Schlichten und Namenlosen gedenkt, von oben herab: Verachtung in Form von Herablassung („Auch der kleine Mann hat seine Ehre“; „gerade das winzige Rädchen hält die Maschine in Gang“, „es kann nicht jeder ein Storch sein, auch Frösche haben ihre Bedeutung in Gottes Schöpfung“).

Einfache Leute – heutzutage gern zum Singular verdinglicht: „Der Bürger draußen im Land“ -... einfache Leute, die zwischen 1933 und 1945 auf der anderen Seite standen, der linken, schilderten in knapper, anschaulich-priziser Rede, was das bedeutete für Angehörige der organisierten Arbeiterschaft: sich den Nationalsozialisten im Alltag zu widersetzen.

Unscheinbare Worte statt hehrer Phrasen zum 20. Juli: Da war nicht vom Vaterland und nicht von abendländischer Gesittung die Rede; da schilderte eine Frau, wie viel Zeitungspapier in einen Laib Brot eingebacken werden konnte, und ein Mann stellte dar, welch ein gefährlicher Kassiber sich im Inneren der handgroßen Tarnschrift „Die Kunst des Selbstrasierens“ verbarg. Menschen, die Kopf und Kragen riskierten, damals, Sozialdemokraten,Gewerkschafter und Kommunisten, erläuterten Widerstands-Praktiken, verwiesen auf Gegensätze zwischen Führung und Basis, machten die Binnen-Kämpfe der beiden großen Arbeiterparteien verantwortlich für die erfolgreichen Strategien der Rechten und benannten die Stationen ihrer illegalen Tätigkeit: Zuchthaus, Konzentrationslager, Strafbataillon.

Dazwischen ein sparsamer Kommentar: Verweis auf Zahlen und Daten, Analyse der politischen Großwetterlage. Kein falscher Zungenschlag, keine beschönigende oder abschwächende Bewertung der Zeugenaussagen. Die Alleingelassenen, von den mit Hitler paktierenden Mächten Preisgegebenen sprachen – wie selten ist das im Fernsehen geworden! – bis zum Schluß mit eigener Stimme, wurden nicht zitiert, verbessert oder als Belegmaterial für vorgegebene Thesen verwendet, sondern redeten für sich selbst und damit in Stellvertretung für jene 300 000 Antifaschisten, die zwischen der Machtergreifung und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs in deutschen Gefängnissen saßen.

Ohne Pathos und Sentimentalität, ja soan ohne Bitterkeit (gelegentlich beinahe humorvoll: „Acht Jahre haben die Genossen im Konzentrationslager auf mich gewartet: Wann kommt er denn endlich, der Schorsch?“), eher beiläufig als bedeutungsträchtig gaben alte Leute zu Protokoll, warum es sich gelohnt hätte, im Hinblick auf den Tag der Befreiung deutlich zu machen: Es hat auch Menschen wie uns gegeben.

„Kleine Leute“ stellten sich vor, Sozialisten, nach deren toten Freunden gewiß keine Straße benannt worden ist in diesem Land; ihre Pensionen werden, gemessen an den Renten für Richter des Volksgerichtshofes, jämmerlich sein; der Kommunist aus dem Ruhrgebiet könnte Schwierigkeiten haben mit den Behörden; die alten Genossinnen und Genossen mit der freien Rede und dem aufrechten Gang: als Vorbilder, von denen in Lesebüchern berichtet wird, gelten sie gewiß nicht heute, die Illegalen von gestern, mit dem „Vorwärts“ in der Tasche, dem Blättchen, das der Brotteig umhüllte. Und trotzdem, nein gerade deshalb ein Dank an das Bayerische Fernsehen und an Thomas Morawski für diesen Film über den Widerstand der Hunderttausende gegen den Nationalsozialismus. Den so gern vergessenen Widerstand: den von links und von unten. Momos