Von Ulrich Greiner

Die Heilige und die Hure – zwischen diesen Polen schwanken Männerphantasien notorisch hin und her. Hier die gütige, liebende, sich aufopfernde Mutter. Dort das zerstörerische, dämonisch lockende und sich entziehende Weib. Und dann überblenden sich die Phantasien: Die Heilige ist Hure, und die Hure ist Heilige.

Den Erfahrungen, die solche Phantasien gebären, spürt der spanische Filmregisseur Carlos Saura in seinen beiden neuen Filmen nach: in „Zärtliche Stunden“, der Geschichte einer heiklen Mutter-Sohn-Beziehung, und in „Carmen“, der Geschichte eines tödlichen Liebeswahnsinns, nach der Oper von Georges Bizet und der Novelle von Prosper Mérimée. In beiden Filmen erscheint die Frau als ewiges, quälendes Geheimnis, das zu enträtseln dem Mann nie gelingt. In der Mutter sucht er die Geliebte, in der Geliebten, die Mutter, und weil beide diesen Ansprüchen nicht genügen können, bleibt der Mann ein tumber und tragischer, immerfort scheiternder Held.

Ein Mann von etwa vierzig Jahren sitzt zu Hause und blättert in einem Familienalbum. Die Wohnung läßt darauf schließen, daß er dem modernen, aufgeklärten spanischen Mittelstand angehört. Der Mann sieht Bilder aus alten Tagen, Erstkommunion, Schule, Familienausflüge, die Eltern, die Zeit des Bürgerkriegs, das Ambiente einer in Traditionen erstarrten Bourgeoisie. Bald sieht er nicht nur die Bilder des Albums. Er taucht ein in seine Kindheit, und deren beherrschende Figur ist die Mutter, eine junge, schöne Frau, sanftmütig, liebevoll, opferbereit.

Nach und nach verdüstern sich die Erinnerungen. Die Sanftmut der Mutter erweist sich als eine besonders raffinierte Form der Herrschsucht. Die Machtmittel des Vaters sind Strenge und Autorität; sie sind durchschaubar. Die Machtmittel der Mutter sind Zartheit und Liebe, sie sind nicht durchschaubar und deshalb wirkungsvoller. Der Sohn verfällt ihnen. In dem hübschen, allmählich wach werdenden Jungen wächst eine Liebe, die nicht nur der Mutter, sondern auch der Geliebten gilt. Die Mutter zeigt sich ihm als Frau. Sie liebkost ihn, sie entkleidet sich vor seinen sehnsüchtigen Augen.

In diesen Kokon aus Liebe dringt der Vater nicht mehr ein. Im kalten Winter, als es des Krieges wegen kein Brennholz gibt, zerschlägt der Vater die Eßzimmerstühle. Den Sohn, der sich widerwillig aus den wärmenden Armen der Mutter gelöst hat, um ihm zu helfen, trifft er versehentlich mit der Axt an der Stirn. Schreiend reißt die Mutter das blutende Kind an sich und stößt den ohnmächtigen Vater zurück.

Das klingt ja nun sehr nach Ödipus at Ödipus. In der Tat ist das Beziehungsmuster kräftig und schlicht. Aber „Zärtliche Stunden“ ist mehr als nur eine hausbackene Psychoanalyse. Saura gelingt es, filmisch umzusetzen, was man den psychoanalytischen Zirkel nennen könnte: das erkennende Subjekt ist sich selber Untersuchungsobjekt. Die Wirklichkeit ist Phantasmagorie, die Zeitebenen kippen ineinander.