Die Hemdsärmel trotz Hitze heruntergekrempelt, die rote Krawatte straff um den Hals, den Blick über dem angestrengten Siegerlächeln fast starr auf das nahe Ziel gerichtet – so nimmt Bettino Craxi im Parlamentsgebäude Huldigungen und Ratschläge entgegen. Mit dem lässigen Jugendstil seiner Garderobe scheint er auch vieles von seiner manchmal rüden Unverbindlichkeit abgestreift zu haben. Ist es die Beklemmung vor dem Sprung ins ungewisser die ihn dämpft? Oder die Ergriffenheit vor der eigenen, nun endlich bestätigten Bedeutung?

Seit ihn am 21. Juli der Staatspräsident mit der Bildung einer Regierung beauftragt hat, steht der Chef der italienischen Sozialisten (PSI) vor einer Aufgabe, an die sich vorsichtige Balancekünstler erst gar nicht gewagt hätten: dem Lande politische Stabilität und wirtschaftliche Sanierung zu bescheren, mit Hilfe der geschwächten, gedemütigten, aber immer noch relativ stärksten Partei der Christdemokraten und gegen die Opposition der Kommunisten, die sich nun, fast dreimal so stark wie Craxis Sozialisten, allein noch als „linke Alternative“ anbieten können.

Oder geht es Craxi vor allem um eine „historische Wende“, einen Machtwechsel? Etwas von solcher Stimmung umgibt seinen neuen Auftritt auf einer an alte Spiele gewohnten politischen Bühne: Er wäre der erste sozialistische Regierungschef Italiens und könnte allein dadurch die mythischen Erwartungen einer lange frustrierten Linken beleben. Dazu kommt der allenthalben wachsende Überdruß an Regierungskrisen, bei denen sich laut Lampedusa immer nur alles ändert, um zu bleiben wie es ist.

Bettino Craxi möchte seit langem diese grimmige Logik auf die gleiche Art durchbrechen, mit der er seit 1976 seine altmarxistische Partei zu einer reformistischen glattzubügeln begann – ohne ihr freilich je großen Erfolg bei den Wählern zu verschaffen. Das mag an der italienischen Vorliebe für jenen „trasformismo“ liegen, der verschwommene, vernebelte politische Wünsche einer hundertprozentigen, oft harten Klarheit vorzieht. Als Taktiker weiß sich Craxi zwar in solchem Gelände zu bewegen, ohne sich festzulegen. Er sei „ein Demokrat für alle Jahreszeiten“, so bekannte er einmal. Als Stratege jedoch faßt er sein Ziel direkt ins Auge und marschiert darauf zu, ohne mit der Wimper zu zucken, über bedenkenswerte Hindernisse ebenso wie über ideologische Leichen hinweg. Seine Bewunderer nennen das Pragmatismus, Seine Kritiker fuhren es auf eine „deutsche Menta-Seine zurück (was in Italien kein reines Kompliment ist).

Der 1934 in Mailand geborene Craxi entstammt einer, wie er selber meint, deutschstämmigen, wahrscheinlich aber, wie der Name verrät, aus Albanien nach Süditalien eingewanderten Familie. Ein Jurastudium brach er ab; ein Ehrendoktorat für politische Wissenschaften, so gesteht er, würde ihm schmeicheln. Er sagt: „Meine wirkliche Universität war die Partei.“

Sie hatte sich 1976 der Führung des damals 42jährigen nur als „Übergang“ verschrieben, um nach mißglückten Volksfrontversuchen der fünfziger Jahre (mit den Kommunisten) und ebenso glücklosen sechziger Jahren der „linken Mitte“ (mit den Christdemokraten) aus der Sackgasse zu kommen. Craxi gab ihr in wenigen Jahren etwas von dem Selbstbewußtsein, das er mehr als genug besitzt. Dazu gehörte vor allem, sich von den Kommunisten eindeutig nach rechts abzusetzen – wobei es Craxis Pech war, daß die KPI zur gleichen Zeit ihren langen Marsch nach rechts beschleunigte und Kompromisse nicht mit ihm, sondern mit den Christdemokraten schloß. Während die Kommunisten von Lenin, ja Marx abzurücken begannen, holte Craxi 1978 gegen sie den vergessenen Frühsozialisten Proudhon (1809-1865) aus dem Museum und rannte mit dessen Thesen gegen den totalitären Staatssozialismus nahezu offene Türen ein.

Alles Ellbogen- und Muskelspiel hat Craxi nicht seinem Fernziel einer „großen Partei der westeuropäischen Sozialdemokratie“, Wohl aber dem Sessel des Regierungschefs näher gebracht. In den sieben Jahren unter Craxis Führung haben sich die sozialistischen Stimmen nur von 9,6 auf 11,4 Prozent vermehrt. Erst die Schwäche der beiden großen Parteien ließ Craxis Leichtgewicht zur entscheidenden dritten Kraft werden. So konnte er auch die sechs Regierungskrisen der letzten vier Jahre auslösen und dann vorzeitige Wahlen erzwingen. Und all dies im Namen der notwendigen „Regierbarkeit“ Italiens, die gerade er immer wieder in Frage stellte.