Von Christoph Bertram

Der Konflikt in Mittelamerika ist nicht mehr nur ein Flickenteppich von Bürgerkriegen und Aufständen, die durch Waffenlieferungen von außen genährt werden. Jetzt stoßen reguläre Truppen aufeinander. Schußwechsel werden gemeldet zwischen Kriegsschiffen von Honduras und Nicaragua. Die Vereinigten Staaten betreiben offen den zwischen der Sandinisten. Ein amerikanischer Flottenverband von acht Schiffen, angeführt von einem Flugzeugträger, ist für fünf Monate zu "Blockade-Manövern" an die Pazifik-Küsie Nicaraguas entsandt worden; weitere Einheiten werden bald folgen. In Honduras wird ein amerikanischer Stützpunkt gebaut; für den August hat das Pentagon die Entsendung von viertausend Mann zu einem Manöver angekündigt.

Präsident Reagan sieht den Bürgerkrieg in El Salvador und die Linksorientierung der Sandinisten in Nicaragua als "erste, wirkliche kommunistische Aggression auf dem amerikanischen Festland" an. Also läßt er militärische Gegenmaßnahmen ersinnen, soweit der amerikanische Kongreß und die öffentliche Meinung mitmachen. Schon jetzt allerdings ist abzusehen, daß all diese Maßnahmen eine Lösung nicht bringen werden. Das Problem Mittelamerikas sind nicht in erster Linie die Kommunisten, sondern die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zustände. Die jüngsten Spannungen und Aufstände lassen sich sämtlich zurückdatieren auf den Zusammenbruch der Konjunktur in diesen Ländern Mitte der siebziger Jahre und die Neigung der Regime, ihr Manko an materiellen Möglichkeiten durch Unterdrückung wettzumachen.

Aber wenn Reagans Politik nicht für eine Lösung taugt, was dann? Die Region einfach in ihrem Saft schmoren zu lassen und sich allein auf die eigene, beträchtliche wirtschaftliche und militärische Überlegenheit zu verlassen, kann für die Vereinigten Staaten auch kein Rezept sein. Zu sehr ist der Norden Amerikas mit den Staaten des Isthmus verknotet und verquickt, zu sehr ist auch Nordamerika mitverantwortlich für die Schwierigkeiten dieser Länder, als daß es sich schlicht aufs Zuschauen oder gar Wegschauen beschränken könnte. Auch das eigene Sicherheitsinteresse diktiert Washington Einflußnahme, weniger wegen – unwahrscheinlicher – Sowjetstützpunkte à la Kuba als wegen der Gefährdung des wichtigsten Nachbarn, Mexiko, durch Unruhen, die aus den kleinen Staaten im Süden überborden könnten.

Also ist Einflußnahme unausweichlich – aber wie? John F. Kennedy versuchte es mit wirtschaftlichen Aufbauhilfe, doch seine "Allianz für den Fortschritt" überlebte ihn nicht. Jimmy Carter probierte es dann mit der Stärkung der Demokratie durch mehr Menschen- und Bürgerrechte. Auch im günstigsten Falle sind wirtschaftliche Hilfe und Stärkung demokratischer Strukturen je-Auch ein Programm für Jahrzehnte. Bisher hat Amerika in Mittelamerika nie die Geduld für eine Politik des langen Atems und der langfristigen Perspektive aufgebracht.

Kann die Kommission helfen, die Reagan gerade unter dem Vorsitz von Henry Kissinger zusammengerufen hat? Sie soll im Februar 1984 ihren Bericht vorlegen – mitten im Wahlkampfjahr. Da darf man zweifeln, ob Reagan wirklich bereit, wäre, seine Ansichten und seine Politik zu andern. Eher geht es ihm wohl darum, innenpolitisch Zeit zu gewinnen und die wachsenden Sorgen im eigenen Lande zu beruhigen, in Mittelamerika stehe ein neues Vietnam bevor. Er will die oppositionellen Demokraten entweder einbinden oder aber ihnen im Wahlkampf die Schuld für Rückschläge aufhalsen. Und selbst wenn es anders liefe – Patentrezepte sind auch von der Kissinger-Kommission nicht zu erwarten.

Vor allem wird es auf zweierlei ankommen. Einmal müssen die Vereinigten Staaten die für alle Weltmächte schwer zu begreifende Lektion lernen, daß jedes Land mit einem bestimmten Grad an Unruhe und Turbulenzen jenseits der eigenen Grenzen leben muß. Zum andern müssen sie lernen, daß regionale Stabilität auf die Dauer nicht durch die Drohung mit militärischem Eingreifen zu schaffen ist, sondern nur durch die Mitwirkung der Nachbarländer.