Von Karl Kaiser

Vor längerer Zeit berichtete ein Pole mit Einfluß und Verstand in einem persönlichen Gespräch, daß in den siebziger Jahren, als die Entspannung noch in vollem Schwung war, ein hochgestellter Funktionär seines Landes nach einer Reise in die Sowjetunion von deren Rüstungsanstrengungen erzählte und mit der Bemerkung schloß: „wenn der Westen einmal merkt, was dort wirklich vor sich geht, wird es für uns alle fürchterlich werden!“

Fürchterlich ist es tatsächlich geworden; alle haben das ihre dazu beigetragen: Im Osten die Sowjetunion, die mit ihrer Rüstung aus den Regeln des nuklearen Zeitalters ausbricht und von deren militärisch-industriellem Komplex wir nicht wissen, ob er noch politisch kontrollierbar ist; im Westen die aufgeschreckte amerikanische Führungsmacht, deren Hektik und Rhetorik ebenso viele Probleme schafft wie sie löst; die westliche Öffentlichkeit, deren innerer Zustand den Entscheidungsrahmen für Sicherheitspolitik grundlegend verändert hat; und schließlich die Bundesrepublik Deutschland, deren sicherheitspolitische Diskussion alle Schattierungen von Provinzialismus bis Hysterie abdeckt – und das in einem Land, dessen Gefüge von größerer Bedeutung für Frieden und Sicherheit im Europa der kommenden Jahre ist als das irgendeines anderen westeuropäischen Staates.

Dies ist eine Zeit dringend gebotener Überprüfung der Grundfragen der Sicherheitspolitik, der langfristig wirksamen Kräfte und Entwicklungen sowie der Erarbeitung neuer Ansätze für die Zukunft. Dafür gibt es neue Pflichtlektüre:

Uwe Nerlich (Hrsg.): „Sowjetische Macht und westliche Verhandlungspolitik im Wandel militärischer Kräfteverhältnisse“; Nomos-Verlag, Baden-Baden, 1983; 632 S., DM 39,-;

Uwe Nerlich (Hrsg.): „Die Einhegung sowjetischer Macht“; Nomos-Verlag Baden-Baden, 1983; 500 S., DM 39,–.

Niemand, der diese beiden Bände durcharbeitet – und Arbeit ist es wird darin Trost finden, wohl aber wesentliche Erkenntnisse, ungewöhnlich erhellende Aufbereitung der Fakten und immer wieder brillante Einsichten. Vieles ist auch für den Fachmann neu, fast alles beunruhigend und ernüchternd.