Flugzeugabstürze, Autobus-Unfälle, Mißernten, Hautkrankheiten – vor nichts scheint die unorganisierte Gilde der „Marken-Piraten“ zurückzuschrecken, sofern nur rasche Profite winken. Die lässige Nachahmung zuverlässiger „Trade Mark“-Erzeugnisse mit billigen Materialien und billigen Arbeitskräften bis hin zum Marken- und Design-Diebstahl ist nach Meinung mancher Experten die florierendste internationale Wachstums-Branche. Ihre Betriebsamkeit unterminiert den Ruf weltbekannter Firmen, brachte schon einige kleinere Trade-Mark-Besitzer zum Ruin und ungezählte Facharbeiter in Westeuropa und Nordamerika um ihre Beschäftigung. So sieht es zumindest die Europäische Vereinigung der Markenartikel-Hersteller (A. I. M.), der die nationalen Verbände der Europäischen Gemeinschafts- und einiger Efta-Länder angehören.

Sie kamen aus Taiwan, waren aber die fast exakte Nachahmung eines deutschen Erzeugnisses – 600 000 Thermosflaschen, die das für seine branchenfremden Lockvogel-Angebote berühmtberüchtigte Kaffee-Unternehmen Tchibo vor einigen Monaten unters bundesdeutsche Volk brachte. Beim Bundesverband der Deutschen Industrie in Köln wird vermutet, daß die Imitatoren im geächteten Insel-China nicht von sich aus auf die Idee gekommen waren.

Gegen einen ersten Nachahmungsversuch auf Taiwan – von dem der deutsche Hersteller offenbar absichtlich Wind bekommen hatte – sei man über das Auswärtige Amt erfolgreich vorgegangen. Doch, so meinen die BDI-Experten in sei dieser erste Anlauf mit einer Mini-Produktion einer Mini-Firma auf Taiwan wahrscheinlich nur eingefädelt worden, um von dem großen Coup eines viel potenteren Imitationsherstellers auf Taiwan abzulenken. Als mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gilt für die Kölner Industrie Lobbyisten erwiesen, daß auch deutsche Kaufhaus-Konzerne massenhaft Imitationsarbeit von Markenartikeln in Billiglohn-Ländern in Auftrag geben, die freilich nicht unter dem geschützten Markenzeichen in die Regale kommen. Doch nur renommierte Verkaufshäuser verbieten sich selbst den letzten Schritt: den Verkauf von Imitationen unter bekannten und rechtlich geschützten Marken-Zeichen.

Beim Rat des allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (Gatt) hat die Brüsseler EG-Kommission jetzt einen offiziellen Vorstoß unternommen. Sie verlangt die Einsetzung einer Arbeitsgruppe, die beraten soll, wie der internationalen Marken-Piraterie das Handwerk gelegt werden kann. In einem neun Schreibmaschinen-Seiten langen Dokument stützen sich die Kommissare hauptsächlich auf Material, das von der A. I. M. zusammengestellt wurde.

Einige der krassesten Fälle sind:

  • Die Vernichtung fast einer gesamten Kaffee-Ernte in ostafrikanischen Staaten durch ein unzureichend nachgeahmtes Insekten-Vertilgungsmitte. Es stammte aus einem anderen Entwicklungsland, wurde aber unter einem renommierten Firmenzeichen verkauft.
  • Flugzeugbremsen und Flugzeug-Bolzen, die aus billigem Material nachgemacht waren, lösten „akute Gefahr“ aus, wie es in dem Brüsseler Dokument heißt. Nach Auskunft der A. I. M. sind solche gemischten Ersatzteile mindestens einer US-Fluglinie in ihre Ersatzteillager geraten.
  • Gefälschte Ersatzteile für Hubschrauber führten zu Unfällen, die wiederum den Konkurs einer bekannten Konstruktionsfirma zumindest mit herbeigeführt haben, weil sie in den Ruf der Unzuverlässigkeit geriet.
  • Imitierte Bremskraftverstärker für Autobusse, die statt Millionen Bremsvorgängen nur einige Dutzend aushielten, führten bei einem öffentlichen Transportunternehmen in Großbritannien zu ernsten Schwierigkeiten.