Von Michael Krüger

Ein zweisitziges Sofa, darüber ein eingestaubtes Bild aus dem Bürgerkrieg; auf der Veranda ein kunstvoll gedrechselter Schaukelstuhl, davor eine üppig. wuchernde Vegetation. "Niemand sieht jemals nach, wer in einem solchen Haus wohl leben mag." Und das Haus auf der anderen Seite sieht aus, "als ob das Alter es schließlich doch überwältigt hätte... Die ganze Fassade sackte zusammen und gab nach wie das Gesicht einer alten Frau, die in der Kirche eingeschlafen ist."

Es ist die Szenerie des amerikanischen Südens, wie wir sie aus der Literatur kennen: von Sherwood Anderson bis William Faulkner, von Carson McCullers bis zu Katherine Ann Porter, die alle zusammen an dem gewaltigen Gegenbild zu jenem des Nordens mit seinen großen Städten gearbeitet haben. Eine bei uns bislang unbekannte Autorin dieser "Southern Renascence", 1909 in Jackson, Mississippi, geboren, wird nun in der schönen Übersetzung von Susanne Schaup zum erstenmal in deutscher Sprache zugänglich gemacht –

Eudora Welty: "Ein Wohltätigkeitsbesuch", Erzählungen, aus dem Amerikanischen von Susanne Schaup; Klett-Cotta, Stuttgart, 1983; 144 S., 16,80 DM.

Auch bei Eudora Welty fällt sofort der wunderbar reine Ton auf, wie wir ihn vor allem von Sherwood Anderson kennen, die unprätentiöse Geste des Geschichtenerzählers, der sein Publikum unterhalten will, auch und gerade wenn er schreckliche Dinge zu berichten hat; und vor allem: Es wird nur erzählt, nicht interpretiert. Warum diese gewissermaßen letzte "natürliche" Erzählkunst Amerikas im Süden entstand, wo es kaum eine literarische Tradition gab, das ist ein weites Feld. Klar dagegen ist, wer hier plötzlich und eindrucksvoll zur Sprache kam: die Ausgegrenzten und die"freaks"‚ die Narren und Sonderlinge, kurz alle, die von der "amerikanischen Leidenschaft, im Leben voranzukommen" (Anderson), entweder nicht ergriffen wurden oder an ihr gescheitert sind.

Das ist auch bei Eudora Welty nicht anders. Mit einem sicheren Instinkt dafür, daß nur solche Menschen noch eine Geschichte haben, die erzählenswert ist (im Gegensatz zu den auswechselbaren middle-class-Lebensläufen, von denen die nordamerikanische Literatur nicht loskommt), berichtet Eudora Welty von der leicht verrückten Lily Daw, die sich der aufopfernden Liebe dreier Damen (die sie ins Irrenhaus bringen wollen) erwehren muß; von der altjüngferlichen Clytie, die sich in der Regentonne ertränkt; von einer kleinen Pfadfinderin, die ein Altersheim aufsucht (drei Punkte: jeden Tag eine gute Tat) und plötzlich in den verrückten Kampf zweier alter Damen verwickelt wird: "Als ich so ein junges Mädchen war wie du, ging ich auch in die Schule, sagte die alte Frau mit der gleichen vertraulichen, drohenden Stimme. Nicht hier – in einer anderen Stadt." – "Sei still!" sagte die kranke Frau. "Du bist nie in die Schule gegangen. Du bist nie gekommen und bist nie gegangen. Du bist nie irgend etwas gewesen – nur hier. Du bist nie geboren! Du weißt nichts. Dein Kopf ist leer, dein Herz und deine Hände und deine alte schwarze Handtasche sind leer, sogar die kleine alte Schachtel, die du mitgebracht hast, war leer – du hast sie mir gezeigt. Und trotzdem quatschst und quatschst und quatschst du die ganze Zeit, bis ich glaube, daß ich den Verstand verliere! Wer bist Du überhaupt? Du bist eine Fremde für mich – eine vollkommen Fremde! Weißt du nicht, daß du eine Fremde bist? Ist es wirklich möglich, daß die einem Menschen so etwas antun – daß sie einem eine Fremde hereinschicken, die nur quatscht und schaukelt und einem dieses ganze dumme Zeug vorschwätzt? Glauben die im Ernst, daß ich das aushalte, tagaus, tagein, nachtaus, nachtein, in demselben Zimmer mit einer gräßlichen alten Frau zu leben – für immer?"

Mit ihrer genauen Bildhaftigkeit (die alte Mrs. Carson redet mit einer Stimme, "die so traurig klang wie die leisen Geräusche eines Hühnerstalls in der Dämmerung"), ihrer oft verblüffenden Beobachtungsgabe (in einer Bar, in der es plötzlich still wird: "Der Bartender hielt mit seinem Lappen inne, als hätte sein Wischen ein lautes Geräusch verursacht") und ihrer unerschöpflichen Neugier auf Menschen ist Eudora Welty eine große Entdeckung. Hoffentlich bleibt es nicht bei diesem schmalen Büchlein.