Die Fahrt von Wilna nach Kaunas führt durch eine seltsam vertraute Landschaft. Rechts und links der Landstraße ziehen sich grüne Wiesen, die durch Baumgruppen und Felder optisch strukturiert werden. Am Horizont der flachen Landschaft wölben sich Hügelketten, die in der Sonne bläulich schimmern. Der Blick geht weit in die Ebene hinaus, eine merkwürdige Ruhe geht von dieser Weite aus. Die Gegend ist dünn besiedelt, Landwirtschaft herrscht vor, der Verkehr ist schwach.

Wir sind in Litauen, einer jener westlichen Republiken der Sowjetunion, die für Touristen wenig zugänglich sind, obwohl gerade sie die besten Voraussetzungen für die Ferienindustrie bieten. Die eigenartige Vertrautheit der Landschaft, die wir zum erstenmal sehen, bleibt ein Rätsel. Einerseits mag es die Erinnerung an Landschaftsbilder der eigenen Heimat sein, die diesen Eindruck hervorrufen. Es kann aber andererseits auch das imaginäre Bild aus Erzählungen und Literatur sein, das eine Vorstellung jener ostpreußischen Landschaft vermittelt, die sich, westlich von hier, anschließt.

In Kaunas, der alten Hauptstadt Litauens, dann ein seltenes Dejá vu-Erlebnis. Das Landschafts-Triptychon „Raigardas“ von Mikalojus Konstantinas Ciurlionis zeigt uns noch eimal die Landschaft Litauens. In Tempera gemalt dominiert die grüne Farbe in den unendlich zarten Abstufungen der Natur, überflutet von einem Licht, das zwischen gleißender Sonne und einem leichten Schleier changiert. Vorherrschend neben dem Grün ist das dunkle Blau der Hügelketten am Horizont und ein Okergelb der Erdflächen, die als Akzente in die Komposition des Bildes eingearbeitet zu sein scheinen. Die drei Bilder sind konventionell gemalt, sie evozieren einen starken emotionellen Reflex, weil sie nicht nur die optische Struktur der gesehenen Landschaft wiedergeben, sondern vor allem jene schwer zu beschreibende Stimmung, in die auch in der realen Anschauung etwas Künstliches, Artifizielles eingegangen ist.

Der Maler dieses Triptychons, M. K. Ciurlionis, gilt heute als der bedeutendste Maler Litauens und ist innnerhalb der europäischen Kunstgeschichte ein Sonderfall. Als gäbe es keine sowjetische Autorität (und es gibt tatsächlich keine) in der Kunstgeschichte, wird in Kaunas zu jeder Führung durch das Ciurlionis-Museum Werner. Haftmann zitiert, der in seinem Buch „Malerei im 20. Jahrhundert“ diesem Maler eine ganze Seite widmete. Haftmann reiht Ciurlionis unter die Vorläufer der abstrakten Kunst dieses Jahrhunderts ein, in deren unmittelbarer Nachfolge der Russe Kandinsky seine ersten ungegenständlichen Kompositionen gemalt hat. Wer war Ciurlionis, von dem man in Westeuropa kaum etwas weiß, dessen Bilder – rund dreihundert sind bekannt und erhalten – in einem eigenen Museum in Kaunas aufbewahrt, aber kaum je zu Austellungen ausgeliehen werden?

Mikalojus Konstantinas Ciurlionis wurde am 22. September 1875 in Varena in Litauen geboren. Schon frühzeitig macht sich seine musikalische Begabung bemerkbar, die durch seinen Vater, den Organisten des Ortes, gefördert wird. Aber erst die finanzielle Unterstützung eines Warschauer Arztes ermöglicht Ciurlionis eine systematische musikalische Ausbildung, zunächst auf dem Konservatorium in Warschau, später auch in Leipzig und Berlin. Noch als Student beginnt er zu komponieren und schreibt in den kommenden Jahren eine Reihe von Fugen, Kantaten und Klaviersonaten. Beinflußt zeigt sich Ciurlionis dabei trotz seines systematischen Studiums von Bach, Wagner und Reger vor allem von der litauischen Volksmusik.

Für Ciurlionis, der bereits in frühester Jugend als musikalisches Wunderkind gilt, stehen die ökonomischen Verhältnisse – und das soll zeitlebens so bleiben – in krassem Widerspruch zu seinen Ambitionen, auch zu seinen künstlerischen Erfolgen. Trotzdem wählt er nicht den bequemen, existenzsichernden Weg einer Anstellung als Leiter einer Musikschule, sondern begibt sich in Europa auf Reisen. Der Grund ist ein tiefsitzender Zweifel an Aussagefähigkeit der Musik. Zunehmend wendet er sich der Malerei zu. Er will eine Malerei schaffen, in der Musik und Farben zu einer Einheit gebracht werden. Haftmann schreibt dazu: „Nun gibt es in der Tat auch noch den Fall, daß eine eigentümliche synästhetische Begabung mit dem ewigen Vergleich farbiger mit musikalischen Klängen einmal ernst machte.“

Ciurlionis wollte „Musik malen“. Äußere Merkmale dieser angestrebten Synäthetik waren oft die Titel seiner Bilder. Sonate, Fuge und andere Begriffe aus der Kompositionslehre tauchen in den Bezeichnungen auf, auch wenn die Inhalte kaum eine solche Analogie erkennen lassen.