Die Herren, durchweg im Pensionsalter, sind frisch gebadet, glatt gescheitelt und haben sich fern gemacht. Sie sehen aus, als hätten sie sich zur Konfirmation der Enkel oder zum Jubiläum des Schützenvereins versammelt. Aber tatsächlich haben sie den guten Anzug herausgeholt für ihren Auftritt im Fernsehen, für ihre Zeugenrolle im deutschen Dokumentarfilm "Operation Gomorrha". Es sind englische (und auch ein paar amerikanische) Veteranen, Flieger, die Auskunft geben darüber, wie das damals war, als sie zwischen dem 24. Juli und 3. August 1943 den Einsatzbefehl des britischen Luftmarschalls "Bomber" Arthur Harris ("Intention: to destroy Hamburg") in die Wirklichkeit umsetzten. Sie erinnern sich, daß sie hier die Maschine runterdrückten, dort raufholten, daß sie kalte Finger bekamen beim Rausschmeißen der Stanniolstreifen (die die deutschen Radargeräte außer Betrieb setzten), wie sie den Knopf für die Bomben drückten, daß sie hier einen guten, dort einen weniger guten "job" taten.

Die "Operation Gomorrha", mit der Churchill und sein Luftmarschall erklärtermaßen nicht nur Rüstungsindustrie zerstören, sondern die zweitgrößte Stadt Deutschlands dem Boden gleichmachen und dadurch die Bevölkerung in die Knie zwingen wollten, war ihren Namen wert: an ein paar Sommertagen, die so heiß waren wie der Juli 83 es ist, wurde Hamburg von rund 3000 Maschinen in 7 Angriffen zu großen Teilen in Schutt und Asche gelegt. Mindestens 42 000 Menschen verbrannten, erstickten, wurden in ihren Häusern erschlagen, begraben, 53 Prozent der Wohnungen, 60 Prozent der Hafenanlagen wurden zerstört.

Hans Erich Nossack, der den Feuersturm des "flächendeckenden Bombardements" erst aus der Ferne seines Ferienhäuschens sah und wenige Tage später. nach Hamburg zurückkehrte, hat das, was er erblickte und doch kaum begreifen konnte, in dem "Untergang" genannten Epitaph für seine Vaterstadt notiert:

"Wo früher der Blick auf Häuserwände stieß, da dehnte sich eine stumme Ebene bis ins Unendliche. War es ein Friedhof? Aber welche Wesen hatten dort ihre Toten beigesetzt und ihnen Schornsteine auf die Gräber gestellt? Schornsteine, die wie Ehrenmale, wie Dolmen oder mahnende Finger als einziges aus dem Boden wuchsen. Atmeten die darunter Liegenden durch die Schornsteine den blauen Äther ein? Und ruhte dort, wo zwischen diesem seltsamen Gestrüpp eine leere Fassade wie ein Triumphbogen in der Luft hing, wohl einer ihrer Fürsten und Helden?... Und wenn man nach Stunden einen Menschen traf, dann war es auch nur einer, der im Traum durch die ewige Einöde wandelte. Man ging mit einem scheuen Blick aneinander vorbei und sprach noch leiser als vorher. Irgendwo schien wohl die Sonne, aber über diese Dämmerung hatte sie keine Macht. ... Wachsam und feindlich blickten wir auf die fremde Umgebung, bemüht, keinen Lärm zu machen, damit kein Schläfer und kein Hund aufwachte, und erschraken über eine zerrissene Gardine, die aus einer schweigenden Veranda wehte. Wer gab wem dort ein Zeichen? Liegen sie stumm und tückisch auf der Lauer, diese unsichtbaren Wesen, die in dieser Fremde ihre Heimat haben müssen? Oder sind wir es, die taub und blind sind? Warum zerreißt es nicht unsere Lähmung wie ein maßloser Schrei, wenn wir mit Kreide an eine Haustür geschrieben die erste und letzte Frage lesen: Wo bist du, Mutter? Gib doch Nachricht!"

Die NDR-Dokumentation zum 40. Jahrestag des Infernos war informativ und sachlich. Gegen die englischen Vernichtungstöne stand die deutsche Propaganda, vor Hamburg wurden Coventry und Warschau zerstört. Aber was nach diesen Photos und Filmen vom Feuersturm, von verkohlten Leichen und skelettierten Häusern, von alten Menschen und kleinen Kindern in Weltuntergangslandschaften am meisten betroffen machte, das waren diese gutgewaschenen Herren mit den braven Gesichtern. Damals waren sie zwanzig Jahre alt. Heute stehen sie im Londoner "Imperial War Museum" und erklären vor einem ihrer als Museumsstück zärtlich gehüteten Lancaster-Flugzeuge, wie das war mit den Stabbrandbomben. Und ihr alter Chef, Sir Arthur Harris, hat sich wohl am 24. Juli abends eine Pulle Schnaps spendiert: Peace now. Petra Kipphoff