Ich wollte, daß er auch größer wird“, gestand die 4jährige Brenda ihrer Mutter, nachdem sie dem älteren Bruder hinterrücks eine Nähnadel durch die Jeans in den Allerwertesten Medizin hatte. Brendas kleine Barbarei geht auf eine der faszinierendsten Neuentwicklungen der Medizin der letzten Jahrzehnte zurück. Seit einem Jahr wird sie mit dem aus der Gentechnologie gewonnenen Wachstumshormon behandelt. Von 89 auf 109 Zentimeter war sie seither gewachsen und der Sticheleien des Bruders langsam leid.

Gleich Brenda erhalten weitere 20 Kinder in den USA gegenwärtig dieses Growth Hormone. Knappe 13 Zentimeter wenigstens ist ein jedes seither größer geworden. Die allzu geringe Produktion der eigenen Hirnanhangdrüse wird so kompensiert, das drohende Schicksal, als Liliputaner durchs Leben zu laufen, ist gebannt.

Die Genentech AG. in San Franzisko hilft den Familien der Kleinen mit dem Kunsthormon, das sie den 21 kostenlos für die Behandlung abgibt, aus mehr als einer Verlegenheit. Zwar stellt ein „Nationales Hormonprogramm“ in den Vereinigten Staaten jährlich für 2500 Kinder aus Leichen stammendes Wachstumshormon bereit. Die Auflagen sind strikt: Knaben werden bis zu 168, Mädchen bis zu 163 Zentimeter Körperhöhe behandelt. Hernach ist unwiderruflich Schluß. Seit Anverwandte der Verstorbenen freilich einer Leichenöffnung immer seltener zustimmen, gehen schätzungsweise zehntausend Minderwüchsige jenseits des Atlantik leer aus. Auch die schwedische Firma „KabiVitrum“ stellt das Hormon her – Kosten pro Jahr: bis zu 50 000 Mark. Erschrocken wirken viele Eltern ab. Resümee eines Experten: „Weltweit besteht ein gewaltiger Bedarf.“

Mit der seit 1979 und einer Investition von umgerechnet vierzig Millionen Mark erprobten Technologie soll das nun anders werden. Gentechnologie bedeutet, daß ein Abschnitt im menschlichen Erbmaterial, der als Gen die Instruktionen zur Synthese des Hormons enthält, ins Erbgut bestimmten Bakterien eingebracht wird. Das fertige Hormon gelangt in die Nährlösung der Bakterien, wird abzentrifugiert, gereinigt und gefriergetrocknet. Es hat das Aussehen von Tafelsalz.

Das Programm war nicht frei von Rückschlägen. Als zwölf Manager der Genentech sich freiwillig einem Selbstversuch unterzogen, erledigten einige ihren Job darauf tagelang im Stehen. Erst ein verbesserter Reinigungsprozeß verhinderte die lästige Schwellung und Rötung am Injektionsort. Auch das Problem der Antikörperentwicklung, mit dem der menschliche Organismus sich jedes als „fremd“ aufgefaßten Eiweißmoleküls entledigt, ist seit Januar 1983 durch eine Abwandlung in der Struktur des Wachstumshormons beseitigt. Die Behandlung verläuft ohne Komplikationen. Eine Zulassung als Medikament seitens der US-Arzneimittelbehörde ist im Spätherbst 1983 zu erwarten.

Den 21 kleinen Freiwilligen will Genentech die kostbare Substanz auch in den kommenden Jahren – und über die im „Nationalen Hormonprogramm“ dekretierten 168 oder 163 Zentimeter hinaus – kostenlos überlassen. Die Wunschgröße ist quasi garantiert. Was die erwünschte Körpergröße Nicht-Minderwüchsiger anlangt, erwehrte sich der Chef der Kinderklinik an der kalifornischen Stanford University unlängst einer Serie elterlicher Anfragen: Auf gar keinen Fall würde das Medikament eingesetzt, damit der Sprößling jene drei Zentimeter und zwanzig Pfund Gewicht Sport die ihm zum Gewinn einer Meisterschaft im Sport womöglich fehlen. rich