Sehenswert

„Der Android“ von Aaron Lippstadt. Max 404 mag Menschen. Er ist ein sensibler, scheuer Geselle, von ranker Gestalt und einer unstillbaren Neugier auf alles, was mit der fernen Erde zu tun hat. In einer Raumstation dient Max 404 dem düsteren Dr. Daniel (Klaus Kinski), der seltsame Experimente anstellt. Aus einem alten Film mit James Stewart lernt Max, wie die Menschen früher miteinander umgingen. Und Fritz Langs „Metropolis“ bringt ihm Kunde vom Aufstand der Maschinen-Menschen. Max – der Drehbuchautor Don Opper spielt ihn mit linkischem Charme – ist selber ein Android, ein künstlicher Mensch, der sich am Ende gegen seinen Schöpfer wendet, als er durch ein avancierteres (blondes, weibliches) Modell ersetzt werden soll. Mit hinreißendem Charme und einer durch das Minimal-Budget stimulierten orgastischen Phantasie variiert der ehemalige Filmkritiker und Roger Corman-Assistent Aaron Lippstadt in seinem Kino-Debut ein klassisches Thema der Science-fiction. Von der britischen Kritik bereits als „Geheimtip des Jahres“ entdeckt, kommt die ironische, verspielte, Zitatenreiche (von „2001“ bis „Star Ware“) Weltraum-Etude jetzt auch in unsere Kinos: der witzigste Science-fiction-Film seit John Carpenters „Dark Star“.

Hans-Christoph Blumenberg

Klassisch

„Edipo Re“ von Pier Paolo Pasolini ist die ausdrücklich autobiographisch private Auseinandersetzung mit einem kollektiven Mythos; 1967 entstanden, bei uns zuerst 1969 als „Bett der Gewalt“ zu sehen und jetzt wieder in den Kinos. Die Freudsche Zuspitzung des ödipus-Konflikts in einem Prolog irgendwann in den zwanziger Jahren (Pasolini wurde 1922 geboren) in der sanften Nacht und Dämmerung der Lombardei ist nur eine Kamerabewegung entfernt von der sonnendurchfluteten, grob kontrastreichen Landschaft eine noch vorklassischen, primitiv archaischen Antike. Im freien Rückgriff auf die Tragödie des Sophokles entwickelt Pasolini „die Transposition dieses psychoanalytischen Tatbestandes auf den Mythos“ – mit dumpf „erschreckender Musik, halluzinatorischen Lichtreflexen, verstörenden Schreien und mühsam gezügelten Bewegungen, deren stets bedrohliche Wildheit durch schwere Zeremonialgewänder ritualisiert wird. In Marokko fand Pasolini die wuchtigen Formen und die wenigen, klaren Farben. Nicht der Fluch der Götter, sondern die Angst des Vaters vor dem Sohn verbindet Mythos und psychoanalytische Deutung. Weil der Sohn ihm die Gattin entfremden könnte – Silvana Mangano ist eine statuarische Schönheit von rätselhafter, kühler Sinnlichkeit –, verbannt der Vater den Sohn aus dem Haus. Nur so kann er zum Fremden wert“, der den Vater erschlagen und die Mutter heiraten wird. Dem Liebesentzug und der aggressiven Reaktion folgt die Selbstbestrafung, eine Läuterung, durch die Ödipus zur Poesie gelangt. Im Epilog mündet der Traum vom Mythos in die Gegenwart. Franco Citti als Ödipus ist kein intellektueller Sucher, sondern ein naiver Held, den die Selbsterkenntnis verstümmelt und lebensuntüchtig gemacht hat. Am Ende laßt sich der blinde Flötenspieler aus den öden Fabrikvierteln von Bologna 1967 zur Blumenwiese seiner Kindheit führen. Lina Schneider

Empfehlenswerte Filme

„Das Gespenst“ von Herbert Achternbusch. „Die flambierte Frau“ von Robert Van Ackeren. „Eine ganze Nacht“ von Chantal Akerman. „Diva“ von Jean-Jacques Beineix. „Der Bienenkorb“ von Mario Camus. „Echtzeit“ von Hellmuth Costard und Jürgen Ebert. „Bolwieser“ von Rainer Werner Fassbinder. „Café“ Malaria“ von Niki List. „Carmen“ und „ZärtlicheStunden“ von Carlos Saura (siehe Seite 31).