-Heinz Wocker

London, im Juli

Man würde gern lesen, was denn die Financial Times von einem neuen Finanzminister hält, der statt der versprochenen langfristigen Remedur der Staatsverschuldung lieber mit dem Verkauf von Staatsanteilen an BP zu Discount-Preisen die bisher in England übliche Symptomkur treibt. „Man verscherbelt das Familienerbe, um die Rechnungen im Gemüseladen zu zahlen“, schreibt die Times dazu. „Reine Kosmetik“ findet der Guardian, Die Redaktionskonferenz der Financial Times erörterte die Sache, aber anderntags schwieg das Blatt dazu. Es schweigt derzeit zu allem – es erscheint nämlich nicht.

Die Geduld ist erschöpft

Seit dem 1. Juni fehlt an den Zeitungskiosken der Hauptstadt und auf den Schreibtischen der City das Markenzeichen dieser Zeitung, ihr rosa getöntes Papier. Nirgendwo steht geschrieben, daß Druckerschwärze unbedingt weißes Papier erfordert. Eine ganz andere Frage ist, ob sie auch Drucker benötigt, die in einer Gewerkschaft sind und ob die wiederum dem Dachverband aller britischen Trade Unions angehören muß. Die National Graphical Association, NGA, zum Beispiel, die die Financial Times bestreikt, hat durch das Ablehnen eines Vermittlungsvorschlages gegen Paragraph 11c der Satzung des Dachverbandes verstoßen, worin es um Schädigung von Gewerkschaftern durch Mitglieder einer anderen Gewerkschaft geht. Von da bis zum Paragraphen 13, der den Ausschluß einer Einzelgewerkschaft ermöglicht, scheint es nicht allzu weit. Die Geduld der Leute an der Spitze des Gewerkschaftsverbandes ist ziemlich erschöpft. Man hat derzeit mit der Regierung Thatcher genug Ärger und will dem Arbeitsminister nicht neue handfeste Vorwände zum Eingreifen gegen die Trade Unions liefern.

Das alles riecht nach hoher Politik. Den 24 Männern im Druckhaus der Financial Times die das alles ausgelöst haben, geht es lediglich um mehr Wochenlohn. Sie verlangen statt bisher 304 Pfund künftig 322. Das ist zwar nur eine sechsprozentige Steigerung (die Regierung will dem öffentlichen Dienst nur vier Prozent geben), aber die Drucker liegen nicht gerade am unteren Ende der Einkommensskala. 304 Pfund die Woche sind rund 5000 Mark brutto im Monat; das Mindesteinkommen in der Branche liegt bei weniger als 1000 Mark. Aber es gilt im britischen Sozialgefüge nicht nur den Lebensstandard, sondern auch den Prestigeabstand zu den weniger gut verdienenden Kollegen zu halten. Diese gehören im Druckergewerbe zur Gewerkschaft Sogat. Zeichnet sich ein Verwischen der Differenz ab, ist das ein Streikgrund. Die NGA besteht auf einem solchen Abstand von 19 Prozent. Nicht 20, nein: 19.

Auch britische Ausstände muß man in zwei Gruppen einteilen: die wenigen, in denen die Gewerkschaft Streikgeld zahlt, und die meisten änderen, bei denen das nicht der Fall ist. Die NGA-Leute erhalten Streikgeld, gut verdienende Arbeit ter halten sich auch eine wohlhabende Interessenvertretung. Zunächst gab es 40 Pfund die Woche, dann stockte die AKM-Leitung das auf 75 Pfund auf. Das ist zwar nur ein Viertel des Bruttoeinkommens, aber damit auch mehr als der Mindestverdienst von Nicht-NGA-Miteliedern. Somit erklärt sich der Durchhaltewille der Ausständischen. Der Streik wird von der NGA seit dem 7. Juni offiziell geführt, weshalb neben den 24 Drucken! auch die übrigen 250 Mitglieder dieser Gewerkschaft die Arbeit niederlegten. Der 18pfürtdigen Forderung der Streikenden hat die Unternehmensleitung ein Mehrangebot von fünf Pfund entgegengestellt. Doch auch für sie geht es um mehr.