Von Rolf Zundel

Anzuzeigen ist ein Buch, ein schmales Band-, chen eher; zu beschreiben ist auch ein sensationeller Verkaufserfolg und vor allem ein politisches Phänomen, das bei führenden Köpfen der Union zuerst Kopfschütteln, dann Stirnrunzeln und bei einigen schließlich Alarm ausgelöst hat. Der Generalsekretär der CDU, Heiner Geißler, wird sich im September mit dem Autor Franz Alt zum Streitgespräch treffen. Die Friedenstage, die die Union in Herbst an 10 000 Orten organisieren will, sind nicht zuletzt eine Kampagne gegen jene Art Politikverständnis, die in diesem Buch vorgeführt wird. Und pikiert notierte jüngst die Frankfurter Allgemeine Zeitung, stets auf der Hut, daß die Kirche im Dorf und die Politik gediegenen Existenzen überlassen bleibt: "Das Auftauchen einer Anti-Nachrüstungs-Fraktion innerhalb der CDU, von dem Zauberer Alt angedroht, (zeitigt) schon erste magische Wirkungen."

Seit Anfang März, damals kam die erste Auflage auf den Markt, sind etwa 290 000 Exemplare gekauft worden. Und inzwischen ist die Zahl vermutlich längst überholt; jeden Tag werden etwa 5000 Bändchen abgesetzt, Pfarrer benutzen den Text für Predigten, Lehrer behandeln ihn im Gemeinschaftskunde-Unterricht, Theater veranstalten Rezitationsabende, in zwei Hotels liegt das Buch neben der Bibel auf dem Nachttisch. Und wie früher "Anti-Machiavellis" verfaßt wurden, um den vermeintlichen oder wirklichen Zynismus der Politik auszutreiben, so gibt es jetzt "Eine Anwort an Franz Alt" von dem Münchener Politikwissenschaftler Manfred Hättich, in der versucht wird, den vermuteten Einbruch von Gesinnungsethik und Emotion in die Politik wieder abzuriegeln.

Ich gestehe – der Rückfall auf die erste Person Singular ist bei einem solchen Buch und bei einem solchen Autor, wo Erkenntnis und Bekenntnis ununterscheidbar werden, fast unvermeidbar – ich gebe also zu, daß ich die Wirkung der Schrift völlig unterschätzt hatte. Mir ging es wie manchen Kollegen, die etwas gelangweilt darin geblättert hatten und sich sagten, da gibt es wohl Besseres: Eppler – ungleich politischer, Bahr – in Sachkenntnis unerreicht, Jonathan Schell – ein großer Wurf. Und auch der Ärger von Hättich ist mir durchaus verständlich.

Alt findet selten zu ruhigem Gedankengang, orientiert an präzisen, verläßlichen Begriffen. Die Worte Jesu, an deren Sperrigkeit andere verzweifelt sind, von Alt werden sie fröhlich in Anspruch genommen; die Bergpredigt wird so menschlich und praktisch: Hättichs Vorwurf eines "verkürzten Christentums" liegt da in der Tat nicht fern. Wenn Alt von seinem "Damaskus-Erlebnis" spricht, "Umkehr" fordert, so kommen einem eben nicht nur die seltenen Menschen in den Sinn, deren Erfahrungen das normale Vorstellungsvermögen sprengen (und die sich überdies selten zur Politik äußerten), sondern auch jene Heerscharen von Erweckten, die mehr getrieben als erleuchtet auf dunklen Wegen das Reich Christi suchten und nur die eigene Verwirrung fanden. Und wenn schließlich – "die Ethik der Bergpredigt heißt nicht Einerseits-Andererseits, sondern Entweder – Oder" – in kühnem Entschluß Politik und Religion, Gott und Welt harmonisiert werden, läßt man sich von Hättich schon gern in altväterlicher Strenge daran erinnern: "Unsere Existenz ist von der Wurzel her eine gebrochene."

Woher also rührt die Wirkung dieses Buches? Eine naheliegende Erklärung lautet, die Fernsehpublizität des Report-Moderators habe die Auflage gefördert. Und Alt ist ja überdies nicht nur ein vorzüglicher Journalist, wie seine Oberen bestätigen, sondern ein ziemlich streitbarer. Wo Moral und Politik in Konflikt geraten, ist er auf dem Plan. Und hie und da kracht es auch, wenn ihn das Engagement zu Formulierungen hinreißt, die den Herren Räten schon mal agitatorisch oder sogar nicht sendefähig erscheinen.

Was Alt, CDU-Mitglied, für die Union besonders mühsam macht, ist sein penetranter Versuch, die Partei an den Maßstab des C im Parteinamen zu erinnern. Ob Waffenhandel, Reduktion der sozialen Marktwirtschaft auf Wachstumspolitik – Alt redet seiner Partei ins Gewissen. Manche Christdemokraten haben es früher ganz gern gesehen, wenn er die Moral der Sozialliberalen und Sozialisten auseinandernahm, und sie sind durchaus einverstanden, wenn er, Pfiffe und Buhrufe provozierend, die Friedensfreunde mahnt, es sei "kein Zeichen von Frieden, wenn in der reichen Bundesrepublik jedes Jahr etwa 100 000 Kinder im Mutterleib getötet werden, aus angeblich sozialen Gründen". Inzwischen freilich, seit seine Kritik die Christdemokraten immer öfter trifft und auch noch an ihrer empfindlichsten Stelle, kommt ihnen schon mal das Wort von der "parasitären Publizität" auf die Zunge.