Von Leonhard M. Fiedler

„Hinreißend schön“ nennt der Verleger Kurt Wolff den Brief, den Franz Kafka Anfang Mai 1922 an den Verlag schickt – zusammen mit einer „kleinen Geschichte“, der Erzählung „frühes Leid“. Der Brief, adressiert an Hans Mardersteig, einen Mitarbeiter von Kurt Wolff, hat sich kürzlich erst gefunden. Der Frankfurter Germanist Leonhard M. Fiedler präsentierte ihn auf der Kafka-Tagung in Mainz. Er ist die Sensation dieses Kafka-Jahres.

Meine Selbstverurteilung hat zwei Ansichten, schreibt Franz Kafka im Juni 1922 an seinen Freund Max Brod, einmal ist sie Wahrheit, dann aber ist die Selbstverurteilung auch Methode und macht z. B. (Kurt) Wolff unmöglich, in sie einzustimmen, und zwar nicht aus Heuchelei, die er ja mir gegenüber gewiß nicht anzuwenden nötig hat, sondern kraft der Methode.

Kafkas Schwierigkeiten beim Schreiben sind bekannt, ebenso wie seine überaus diffizile Einstellung zur Frage der Veröffentlichung des Geschriebenen. Auch jene „Testamente“, die beiden Zettel, die Max Brod nach Kafkas Tod fand, mit der Bitte, sämtliche Manuskripte, Briefe, Zeichnungen Kafkas zu sammeln, um sie dann zu vernichten, sind Dokumente der Selbstverurteilung. Brod hat diese Weisung bekanntlich nicht befolgt – sonst besäßen wir heute weder den „Prozeß“, noch „Amerika“ (bzw. den „Verschollenen“), noch „Das Schloß“.

Walter Benjamin hat, bereits 1929, Brods Entscheidung, den Nachlaß zu veröffentlichen, begrüßt: „Die echte Treue gegen Kafka war, daß dies geschah“, schrieb er in der Literarischen Welt. In der Tat konnte Brod sich auf Kafkas „Methode“ berufen. Die in dem Brief vom Juni 1922 dargelegte Dialektik von „Wahrheit“ und „Methode“ bietet nicht nur einen Schlüssel zum Verständnis biographischer und werkgeschichtlicher Zusammenhänge, die Kafka insgesamt betreffen, sondern diese Dialektik läßt auch Brods Entschluß, die „Testamente“ zu mißachten, als äußerst konsequent, und ich möchte sagen: von Kafka gewollt, erscheinen.

Allein, daß Kafka zu einer solchen Selbstanalyse fähig war, beweist die Relativität der Selbstverurteilung. Die Selbstanalyse kann geradezu als ein Wink an Brod verstanden werden, die Selbstverurteilung zu ignorieren. Und wenn der Brief, in dem diese Selbstanalyse erfolgt, doch zugleich wieder eine Selbstverurteilung enthält, im selben Zuge, in dem die Selbstverurteilung analysiert wird, so zeigt sich, wie ambivalent jenes Verhältnis von „Wahrheit“ und „Methode“ ist, zeigt sich, daß der Hinweis auf die „Wahrheit“ selbst wiederum „methodisch“ ist.

Das eingangs angeführte Briefzitat enthält noch den folgenden Passus: als solche (als Wahrheit) würde sie (die Selbstverurteilung) mich glücklich machen, wenn ich die widerliche kleine Geschichte aus Wolffs Schublade nehmen und aus seinem Gedächtnis wischen könnte, sein Brief ist mir unlesbar. Die „widerliche kleine Geschichte“ ist die Erzählung „Erstes Leid“, die Kafka in den ersten Maitagen 1922 an die Redaktion der im Kurt Wolff Verlag erscheinenden Zeitschrift Genius geschickt hatte. Dieser kleinen Erzählung – sie wurde später von Kafka in den Band „Ein Hungerkünstler“ aufgenommen – ist bisher zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden, zu Unrecht. Vieles spricht dafür, daß sich die Interpreten – wie offensichtlich auch Max Brod – von Kafkas („methodischem“) Hinweis auf die widerliche kleine Geschichte haben täuschen lassen. Wie relativ derartige Selbstverurteilungen sind, illustriert auch die Tatsache, daß Kafka zehn Jahre früher ein ganz ähnliches Urteil ausgesprochen hatte – über „Die Verwandlung“: Eine ausnehmend ekelhafte Geschichte sei es, an der er gerade arbeite (und die er ihr dann dennoch widmet), schreibt er am 24. November 1912 an Felice Bauer.