Gudrun Landgrebe

/ Von Hans-Christoph Blumenberg

Ein schwüler Hochsommer-Abend in München. Die schickste Kneipe an der Leopoldstraße, ein als Bistro getarnter Biergarten der gehobenen Preisklasse, bleibt auch nach Mitternacht noch ein Fixpunkt auf dem Rummelplatz Schwabinger Eitelkeiten. Man gibt sich lässig im „Munich“, aber natürlich will man gesehen werden. Zu Dutzenden bevölkern bemerkenswerte Blondinen und andere attraktive junge Menschen das ständig überfüllte Lokal. Auch die Kellnerinnen sehen so aus, als hätten sie schon einen Filmvertrag in der Tasche. Im „Munich“ ist jeder ein Star. Also wird niemand zur Kenntnis genommen. Tausend Blicke gehen blasiert ins Leere.

Als eine junge dunkelhaarige Frau den Garten betritt, ist es mit der kunstvoll inszenierten Indifferenz der beautiful people mit einem Schlag vorbei. Sollte sie es wirklich sein, die flambierte Frau in Fleisch und Blut, der „neue deutsche Star“ (wie die Illustrierte Quick in einer Titelgeschichte prophezeite), jene Kino-Entdeckung, die Bild und Spiegel in seltener Eintracht zu feiern wußten?

Die Schauspielerin Gudrun Landgrebe, 33 Jahre alt und vor zwölf Monaten noch im Ensemble eines Provinz-Theaters, muß sich an die Aufmerksamkeit, die plötzlich ihrer Person und ihrem frischen Ruhm gilt, erst gewöhnen. Den eher lästigen Begleiterscheinungen der praktisch über Nacht erreichten Prominenz (mit Talkshow-Auftritten, Interview-Terminen, Photo-Sitzungen, Publicity-Tourneen) begegnet sie vorerst mit dem ironischen Mißtrauen des gebrannten Kindes. Der neue Darling des Medien-Boulevards spielt nach eigenen Regeln. Wer das Privatleben der flambierten Frau zu erkunden trachtet (wie es der formidable Hermann Schreiber in der NDR-Talkshow versuchte), handelt sich ein eisiges Lächeln ein. Auch Photographen, die sie mit dem Vorschlag behelligen, es könnte ihrer Karriere doch nützlich sein, ein wenig Fleisch zu zeigen (welches man in jenem Film doch auch in Hülle und Fülle zu sehen bekäme), traktiert Frau Landgrebe mit einem Blick, der sensible Zeitgenossen geradewegs in die Isar treiben müßte.

Als sie, sechs Jahre lang, in Dortmund Theater spielte (mal Kleists Agnes in der „Familie Schroffenstein“, mal die Desiree in Bruckners „Krankheit der Jugend“, zur Not und unwillig auch die Walburga in Hauptmanns „Ratten“), da bewunderte sie schon die starken Frauen des Kinos: allen voran Gena Rowlands, die in den Filmen ihres Mannes John Cassavetes auftritt („Eine Frau unter Einfluß“, „Gloria“). Kein synthetischer Hollywood-Star, sondern eine große Schauspielerin, die auch ihre Narben und Wunden ausstellt, extrem intensiv, sehr unberechenbar, auf befreiende Weise schamlos. Zum gehorsamen Presse-Püppchen eignen sich solche Frauen wahrlich nicht.

Gudrun Landgrebe sucht nicht den, ohnedies unmöglichen, Vergleich mit Gena Rowlands oder mit der selbstbewußten, frechen Jessica Lange, die seit „Frances“ (wo sie einen der unaufhaltsamen Selbstzerstörung verfallenen Hollywood-Star spielt) und „Tootsie“ (wo sie Dustin Hoffmans Partnerin ist) zur ersten Garde des amerikanischen Kinos und zu den Favoritinnen von Gudrun Landgrebe zählt. Dennoch gibt es Verbindungs-Linien: Rollen, die nichts außer Routine erfordern, sichere Sachen mithin, können die zierliche Frau mit den unwahrscheinlich blauen Augen so wenig reizen wie jede Schauspielerin, die ihre Profession mit der Mentalität eines Kamikaze-Fliegers betreibt. Das Wort „Risiko“ kommt oft vor in Gesprächen mit Gudrun Landgrebe. Und ein Satz wie „Ich brauche das Risiko“, oft nur hohle Pose der Mutlosen, klingt aus ihrem Mund wie eine Beschwörungsformel.