Daß die Münchner, auch was die Nahrungszufuhr angeht, eine eher gemächliche Gangart bevorzugen, gilt als gesichert. Diese schöne Eigenart tapfer ignorierend, trifft sich die weiß-blaue Fresseria jedoch täglich in Supermärkten auf Superniveau à la Käfer und Dallmeyer, um unter dem wachsamen Auge der Klatschkolumnisten vom Feinsten zu kaufen und zu kosten.

Andere mögen’s unauffälliger. Sie pilgern schon seit geraumer Zeit ins Münchener Viertel Lehel zu einem Tante-Emma-Laden ganz besonderer Art: der „Schnecke“ – vielen noch ein Begriff aus der Zeit, ab das Lokal gleichen Namens nebenan unter der Regie von Hans-Peter Wodarz zu Ruhm gelangte.

Dessen Nachfolger Josef Grosser, genannt Joschi, jederzeit erkennbar an seiner Baskenmütze, sah sich nach einem Unfall gezwungen, das Restaurant aufzugeben und ruhigerer Arbeit nachzugehen. Von Ruhe kann unterdessen jedoch keine Rede mehr sein, denn die 25 Quadratmeter große „Schnecke“ bat sich zu einem Platz für Genießer entwickelt. Und dies keineswegs im Schneckentempo.

Die Klientel ist denn auch entsprechend: „Einige Kunden müssen mit ihrem Rolls Royce warten, bis unser Gemüsekarren wieder weg ist“, erzählt Joschis tüchtige Frau Beatrice.

Das Angebot im Laden kann sich sehen lassen: Vom wilden Reis bis zum selbstgepreßten Olivenöl gibt es hier alles, was die schöne, alte Ladenkasse mit der Silberkurbel besonders freudig klingeln läßt.

Was die „Schnecke“ indes für Münchner Gourmets erst richtig attraktiv macht, ist die „Probierecke“ mit den vielen selbstgemachten Schmankerln aus Joschis Mini-Küche: Bayerische Apfelkücherl, Zwiebelkuchen oder Moussaka, Kalbsklöße in Morchelrahm, Lasagne oder Schweinshaxe in Biersoße. Dazu eine Kostprobe des hauseigenen Roten vom gerade gekauften Weingut in der Toskana – bisher noch namenlos.

Einen besonderen Ruf genießen bei Eingeweihten Joschis Eßfeste, die er im, mit Weinregalen und einer klotzigen Oma-Vitrine zugestellten, schummrigen Hinterzimmer mit der Aufschrift „Privat“ zelebriert.