Von Gabrielle Wittkop-Ménardeau

Heute abend scheint kein Mond über Soho. Eine regenschwarze Taube hockt auf dem Kopf von Charles II., der das Jagdwäldchen der Londoner – So ho! So ho! riefen sie ihre Hunde zurück – um 1680 beanspruchte, um es seinem natürlichen Sohn Monmouth zu schenken und sich selbst ein Landhaus auf der Südseite des jetzigen Square bauen zu lassen. Monmouth, ein sehr lasterhafter Mann, führte ein äußerst lustvolles Leben und tat klug daran, denn schon mit 36 fahren sollte er seinen Kopf auf den Henkersblock legen.

Inzwischen war Soho lanciert; man fand viele elegante Höflingshäuser und jede Menge Dirnen, Kupplerinnen, Berufsspieler und Abenteurer. Ende 1763, kaum in London angekommen, lief Casanova schnurstracks zum Soho Square; dort betrieb, unter dem Namen Madame Cornelys, seine alte venezianische Bekannte Teresa Imer ein Haus, in dem man sich mit allerlei Vergnügungen, Genüssen und Unterhaltungen die Nacht vertreiben konnte.

Das sündhafte Tusculum stand just an der Stelle der heutigen Kirche St. Patrick. Kühl, dennoch lieblich ist St. Patrick mit den menschengroßen Marmorengeln und dem von französischen Priestern in der Revolutionszeit geweihten Altar. Sie waren nicht die ersten Flüchtlinge in Soho. Flämische Weber waren schon vor den Schergen des Herzogs d’Alba hierher geflohen, provençalische Hugenotten hatten in der Greek Street Asyl gefunden. Nun flohen Aristokraten vor blutigem Terror wie später die Männer von 48, die Gegner Napoleons III. oder die Communards fliehen würden. Soho war nicht nur locker, sondern auch gastfreundlich. Es nahm unter seine rußschwarzen Fittiche die vom Hunger vertriebenen Chinesen, die von Pogromen vertriebenen Ostjuden. Hier wurde niemals viel gefragt, hier wurde jeder akzeptiert. So kam es, das Literaten und Künstler schon im 18. Jahrhundert das freie, ungezwungene Leben in der kleinen Enklave bevorzugten. Hier hielt der berühmte Literary Club seine Sitzungen ab, hier wohnten Autoren wie Boswell und Sheridan, Maler wie Canaletto. Aber als im 19. Jahrhundert London größer wurde, schwand der Anteil Sohos am literarischen und künstlerischen Leben immer mehr. Das Viertel wurde ganz exotisch, so daß Englisch dort kaum noch gesprochen wurde. Um 1900 herrschte Französisch vor, dann kam bis zum Zweiten Weltkrieg Italienisch an die Reihe. Noch heute findet man Metzger, die das Fleisch nach gallischer Weise zurechtschneiden, sieht man Hausfrauen, die ihr baguette wie eine Weihkerze vor sich hertragen.

Soho ist auch bieder. Bieder und mies. Ganze Straßenzeilen – Shelton Street, Neal Street, West Street – tragen ihr Todesurteil auf den braunen Fassaden geschrieben, an denen lange Röhren rosten, Fenster mit Brettern vernagelt sind. Ecke Earlham Street und Shaftesbury Avenue gab es noch voriges Jahr einen Laden, in dem man nur chinesische Musikinstrumente verkaufte, rot und schwarz mit Perlmuttintarsien, Kupferbecken mit Glocken, Flöten und bizarre, riesenhafte Trommeln. Die Bagger haben den Laden gefressen.

An einem zweistöckigen Haus der Dean Street erinnert eine Tafel daran, daß hier unter dem Namen Charles Mark von 1850 bis 1856 Karl Marx gelebt hat. Unfreundlich und graugrün heißt das Restaurant im Erdgeschoß „Quo vadis?“ Tja. Ein paar Meter um die Ecke, ganz in den Pelz ihres Efeus gehüllt, spiegelt sich St. Anne in den Pfützen des morastigen Parkplatzes.

Als Ergebnis komplizierter Verhandlungen zwischen WCC (Westminster City Council) und SHA (Soho Housing Associations) wird demnächst ein großer Baukomplex mit Wohneinheiten für Ältere und Behinderte auf St. Anne’s Court errichtet werden. Doch noch werden in den Holzverschlägen des Hofe Schuhe in zehn Minuten repariert, verlorengegangene Schlüssel ersetzt. Noch gibt es Änderungsschneider, Virtuosen des garantiert unsichtbaren Kunststopfens, Knopfhersteller, Kleinhändler der astrologischen Literatur und von Restposten diätetischer Ernährungsprodukte.