Das sozialistische Konsum-Paradies Ungarn lockt die österreichischen Nachbarn mit billigen Angeboten.

Führen Sie etwas mit, das Sie bei der Einreise nicht mitgehabt haben?“ Mit diesem stereotypen Satz, tausendfach wiederholt, versuchen österreichische Zöllner, ihren heimkehrenden Landsleuten auf die Schmuggel-Spur zu kommen. An den vier Grenzübergängen zwischen Österreich und Ungarn wird die Frage mit besonderem Nachdruck gestellt.

Denn allwöchentlich pilgern Tausende österreichischer Familien, meist aus dem östlichen Burgenland oder aus Wien, über die nahe Grenze, um sich in Ungarn mit billigem Speis und Trank zu laben. Der sozialistische Nachbarstaat gilt als preiswertes Konsum-Paradies, dem selbst die großen Discount-Ketten nichts entgegenhalten können. Touristen aus dem goldenen Westen kommen in den Genuß staatlich gestützter Preise nicht nur für Lebensmittel, sondern auch für Waschpulver, Dieselöl und Benzin sowie in Dienstleistungsbetrieben.

Manch ein Grenzgänger kehrt mit neuer Kleidung und gestutzten Haaren in seine Heimat zurück; Schneider verlangen für Qualitätsarbeit ein Drittel, ungarische Friseure gar nur ein Sechstel dessen, was ihre Steuer- und abgabenbelasteten westlichen Kollegen fordern. Dafür arbeiten Dienstleistungsbetriebe in Ungarn mit oft zweihundertprozentigem Verlust, der vom Arbeiterstaat – noch – abgedeckt wird.

Als Hauptdrehscheibe des kleinen Grenzverkehrs fungiert die ungarische Stadt Sopron, die die jedweden territorialen Ansprüchen abholden Österreicher gelegentlich als „unser Ödenburg“ apostrophieren. Der 55 000-Einwohner-Ort fiel nach einer Volksabstimmung im Jahr 1921 wieder an das vom Ersten Weltkrieg arg zerzauste ungarische Königreich, um jetzt abermals von den Österreichern in Besitz genommen zu werden: Im vorigen Jahr ließen gezählte 811 000 Österreicher umgerechnet 31 Millionen Mark in der Stadt liegen. Seit 1980 reisen sie ohne Visum, geschweige denn Zwangsumtausch nach Ungarn. Die nachbarschaftliche Ost-West-Harmonie ist das Verdienst der Politiker Kreisky und Kádár, die beide noch in der Monarchie geboren wurden. Der alte Schriftzug für „kaiserlich u. königlich“, k. u. k., steht im Volksmund seither für „Kreisky und Kádár“. In der Wirtschaft besiegeln 120 Kooperationsabkommen die freundschaftlichen Bande zwischen den Unternehmen; aber auch bei der Kreditvergabe an die Magyaren sind Wiener Banken überdurchschnittlich engagiert.

In April 1978 – noch vor der Finanzkrise im COMECON – stellten österreichische Kreditinstitute dem ungarischen Staat für Tourismuszwecke rund 650 Millionen Mark zur Verfügung, allerdings mit einer Auflage: Achtzig Prozent der Bausumme müssen an österreichische Unternehmen vergeben werden. Die „Dolchstoßthesen“ burgenländischer Regionalpolitiker, die ein Abwandern ihrer Gäste vom Neusiedlersee an die ungarischen Gewässer befürchteten, erwies sich als Schimäre: Die Gäste blieben.

In Budapest entstanden viele Luxushotels unter ausländischer Schirmherrschaft. So zum Beispiel das „Atrium Hyatt“, das „Novotel“, das „Forum“, die sowohl das Stadtbild als auch magyarisches Selbstbewußtsein veränderten. Die solide und rasche Bauweise österreichischer Privatunternehmen dient als Maßstab für die laschen ungarischen Staatsunternehmen. Und die 2,6 Millionen Westtouristen, die jährlich an den Plattensee und in die Hauptstadt Budapest strömen, bringen Schwung in die Wirtschaft.