Von Peter-Klaus Seht

Mit Vergnügen und Verwunderung über die Verspätung kann die Kunstgeschichte gegenwärtig die Hausse ihrer Klassiker im deutschen Verlagswesen registrieren. Nach Warbure, Panofsky, Gombrich und Wind nun eine Aufsatzsammlung zur Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts von Meyer Schapiro.

In den zwanziger Jahren von Litauen in die USA ausgewandert, hat sich Meyer Schapiro in bedeutenden Arbeiten mit frühchristlicher, Dyzantinischer und romanischer Kunst beschäftigt und mit der Kunst der Moderne. Sucht man nach einem gemeinsamen Nenner für dieses anscheinend so disparate Arbeitsfeld, so wäre es ein gemeinsamer Gegensatz zur Abbildungskunst, die Vorliebe für eine Kunst des Zeichens und der Abstraktion.

An ihr interessiert Meyer Schapiro gerade nichts irgendwie Elementares und Zeitenthobenes, sondern deren Ausdrucksfähigkeit für Individuelles und Gesellschaftliches. Freud und Marx sind somit die allerdings kaum zitierten Orientierungspunkte, die Meyer Schapiro zu einem Solitär gegenüber der eher neukantianisch und strukturalistisch ausgerichteten Warburg-Schule machen. Mit ihr teilt er aber das detektivische Vergnügen am anscheinend nebensächlichen Detail.

So war am Beginn der Moderne nichts unverdächtiger als Cézannes Äpfel Ihnen gilt Meyer Schapiros erster und berühmt gewordener Aufsatz dieser Sammlung. Bedeutungsvoll schienen Cézannes Apfelstilleben allenfalls, weil man sie für völlig bedeutungsfrei und somit für Inkunabeln des autonomen Bildes hielt. Gegenüber diesem für die Kubisten so fruchtbaren Mißverständnis macht Meyer Schapiro auf ein Kindheitserlebnis Cézannes aufmerksam. Seinem Mitschüler Zola, der auf dem Gymnasium von allen geschnitten wurde, hatte Cézanne einen Korb mit Äpfeln als Zeichen seiner Sympathie geschenkt. Ausgehend hiervon kann Meyer Schapiro in sorgfältigen Bildanalysen die Bedeutung der Äpfel bei Cézanne als privates Sinnbild einer unterdrückten Libido und ihres erotischen Wunschdenkens aufweisen.

Kaum weniger verblüffend und gleichfalls ein kunsthistorischer Klassiker ist Meyer Schapiros 1937 geschriebener Aufsatz über Courbet und die Volkskunst. Die dem Erfinder des Realismus vorgeworfene Primitivität war tatsächlich kunstvoll an der vermeintlichen Kunstlosigkeit populärer Flugblätter orientiert. Deren ästhetische Besonderheiten, etwa die Reihung ihrer Figuren, hat Courbet ins Monumentalformat seines „Begräbnis von Ornans“ übertragen und so die Schönheitsnormen des Salons durch den unverbrauchten Plakatstil einer Sozialrevolutionären magerte populaire herausgefordert.

Mit diesen beiden Essays hebt ein Gedankengang an, der dem Aufsatzband ein überraschendes Gesamtthema gibt. Überspitzt formuliert handelt es sich um die Geburt der Moderne aus dem Geist einer aggressiven Vitalität und Primitivität und daraus folgernd, die Bezeichnung Amerikas als das Stammland der Moderne. Dieser Gedanke wird von Aufsatz zu Aufsatz verhalten und doch konsequent fortentwickelt. Am Anfang steht die Erörterung jener Kunst, die in Amerika so frühzeitig und umfassend wie nirgend sonst von einer vermögenden, aber nicht mehr von europäischen Traditionen bevormundeten Sammlergeneration gekauft wurde. Daß diese mit Cézanne, Courbet, den Impressionisten und später mit Picasso die neuen Primitiven Europas erwarb, beruht nach Meyer Schapiro in einer Art Wahlverwandtschaft. Der neue Kontinent sah sich als Mäzen einer neuen Kunst, die ebenso traditions- wie kulturunbelastet schien wie Amerika selbst.