Als „unverantwortlich“ bezeichneten es entwicklungspolitische Vereinigungen, daß die sogenannte „Drei-Monats-Spritze“ vom Bundesgesundheitsamt (BGA, Sitz: Berlin) nicht verboten wurde. Problemlos sind solche Hormon-Depots zur Empfängnisverhinderung gewiß nicht, aber das Amt wollte das verhütete Kind auch nicht gleich mit dem Bade ausschütten. Nach einer Sachverständigen-Anhörung im April hat das BGA jetzt seine Entscheidung bekanntgegeben, die bisher uneingeschränkt verfügbaren Spritzen mit einigen Auflagen zu versehen, aber nicht zu verbieten.

„Terre des hommes“, der „Bundeskongreß entwicklungspolitischer Aktionsgruppen“, „Medico International“ sowie einige Frauengruppen hatten gemeint, das „gefährliche“ Mittel sei „weder Frauen hier noch Frauen in der Dritten Welt zumutbar“. Wenn es hierzulande weiter zugelassen sei, habe dies eine Signalwirkung auf die Dritte Welt, wo die Hälfte der Familienplanung betreibenden, also rund zwei Millionen Frauen die Spritze erhält.

Nicht leicht zu entscheiden: „Bloß nicht verbieten, wir haben bei uns keine Alternative“, meinte eine Ceylonesin, Vertreterin des Weltverbandes der Familienplanungsinstitutionen (IPPF) während der BGA-Anhörung. Die Behörde verweist darauf, daß sie Arzneimittelentscheidungen nur für den Bereich der Bundesrepublik treffen kann, unterichtet aber immerhin Weltgesundheitsorganisation und andere Staaten – eben doch Signalwirkung.

Anlaß der Kritik ist die Tatsache, daß die Dreimonatsspritze naturgemäß die gleichen Nebenwirkungen hat wie die orale „Pille“ – nur kann man sie nicht sofort absetzen, wenn unerwünschte Effekte peinigen: Wie aus dem Namen schon hervorgeht, werden die Substanzen zwölf Wochen lang kontinuierlich abgegeben. Dies gilt vor allen Dingen für nicht seltene, unangenehme Blutungsunregelmäßigkeiten. Künftig müssen Verwenderinnen darauf rechtzeitig und eindringlich hingewiesen werden – im Beipackzettel und selbstverständlich auch vom Arzt. Der Vorwurf hingegen, die Spritze habe gehäuft eine Unfruchtbarkeit der Frau zur Folge, hat sich als nicht haltbar erwiesen.

Nicht auszuschließen ist, daß die Kinder von „Spritzen-Müttern einem erhöhten Mißbildungsrisiko unterliegen. Zwar haben die Hersteller schon bisher gesagt, die Methode dürfe deswegen nicht in der Schwangerschaft verwandt werden (was ja schließlich auch widersinnig wäre). Doch war. zweifelhaft, ob jede Schwangerschaft vor der Gabe der ersten Depotdosis erkannt wurde. Nach BGA-Verdikt sind Ärzte nun verpflichtet, jegliche „gute Hoffnung“ erst einmal mit Sicherheit auszuschließen. Und auch in der Stillzeit ist die Kontrazeption mit Depot-Hormonen nunmehr verboten – vernünftigerweise, denn Gestagene oder ihre Abbauprodukte können in die Muttermilch gelangen und das Neugeborene beeinträchtigen.

Bleibt noch ein Verdacht, mit dem sich gegen alles gut Front machen läßt: Krebsförderung. Doch nach menschlichem BGA-Ermessen sind diejenigen Tierstudien, die eine Gefahr des Brust- oder Gebärmutterkrebses nahelegten, wenig überzeugend. Im Gegenteil, einigen Hormonen wird mittlerweile eine schützende Wirkung vor gewissen Karzinomformen zugesprochen.

Doch insgesamt ist nicht zu leugnen, daß verhütungswillige Frauen keineswegs drei Monate sorgenfrei leben können. Ein Anbieter hat von sich aus immer betont, es handele sich um ein „Mittel der zweiten Wahl“. Den Marktführer hingegen wird’s empfindlicher treffen: Er stellte keine „Pille“ her und hat – aus seiner Sicht folgerichtig – vom problemlosen Spritzen geschwärmt. Nun wird der Verkauf als gewünschte Nebenwirkung der BGA-Entscheidung zurückgehen. Bei uns kommt die Methode nur noch für Frauen mit normalem Zyklusverlauf in Frage, die beispielweise die Östrogenbestandteile der Pille nicht vertragen oder „unzuverlässige Einnehmerinnen“ sind; so gern das manch einer verschweigen möchte: Es geht um das heikle Problem der Empfängnisverhütung in psychiatrischen Anstalten.

Und dann sind da noch die Stewardessen: Wer heute in Hamburg und morgen in New York schläft, dessen Monatszyklus ist so durcheinander, daß es die Anti-Baby-Pille nicht mehr ohne weiteres tut. Justin Westhoff