Die drei Rheintöchter, nackt und hübsch wie Playmates, schwimmen ihre Figuren wirklich in einem Becken mit wirklichem Wasser; Spiegel werfen es schillernd an die Wand, man möchte nur gern wissen: Wer schwimmt, wer singt? Die Riesen, deren einer den anderen später mit einem Goldbarren, leicht wie Styropor, erschlägt, sind wirklich riesenhaft, zwei tapernde Fünf-Portionen-Ungeheuer auf mindestens kniehohen Kothurnen und den Masken zufolge direkte Verwandte des Neandertalers man zerfließt vor Mitleid, wenn man zwischen ihnen Freya, das zierliche zitternde Persönchen sieht. Das Nibelheim wiederum, in das der Götterschuft Wotan über eine rot flackernde Kellertreppe hinabsteigt, ist ein malerisches mittelalterliches Werk, mit Fachwerk und rotgoldener Beleuchtung, und Alberich (Beifall: Hermann Becht war mit Loge, Manfred Jung, der beste Sänger und der phantasievollste Spieler) verwandelte sich wirklich in einen riesenhaften Wurm, wenngleich von elefantenhaftem Habitus, und dann in eine Kröte, faustgroß, sie hüpfte auf einer Mauer von rechts nach links, und über beide lachten die Leute herzlich. Das Bild der Burg endlich, um deren Bezahlung (mit Göttin oder Gold und Macht) es doch hier, in Richard Wagners "Rheingold" geht, erinnert an einen bengalischen Palast oder einen Tempel in Anchor, und die Götter schreiten am Ende zu ihr wirklich über den Regenbogen hinauf.

Was immer man nennt, es bekräftigt, daß der "Ring des Nibelungen", wie er soeben in Wagners hundertstem Todesjahr im Festspielhaus von Bayreuth inszeniert und musiziert worden ist, nichts anderes zeigen will als reinen Richard Wagner: abgebildeten Text, abgebildete Regieanweisung, von keiner Ideologie gestreift, nicht interpretiert, keiner Zeitströmung ausgesetzt, so unkompliziert und so direkt wie möglich – aber auch so platt. Man sieht und hört ein regenbogenbuntes Märchen, rührend, aber nicht anrührend. Naivität war gewollt, Intellektualität wie der Teufel gemieden.

Das Publikum war davon entzückt. Es entlud seine Begeisterung klatschend und trampelnd, feierte Georg Solti, den Dirigenten (was vermochte da das eine ferne Buh?), und es hätte den Regisseur vor Wohlgefallen einrückt, Peter Hall vom National Theatre in London, aber der zeigte sich nicht.

Wer nach einem Sinnbild dieser Kehrtwende suchte, entdeckte im Publikum die Beginn; unübersehbar war sie (wieder) da, denn Patrice Chéreau ist (längst) weit weg. Hatte er es geschafft, aus dem "Ring" eine ergreifende menschliche Tragödie mit politischen (Be-)Zügen zu machen, so wollten Sofa, Hall und ihr äußerst einfallsreicher Bühnenbildner William Dudin alles andere als dies. Nein, nichts Neo-Marxistisches, sagte Hall, keinen Freudianismus, keinen abstrakten Expressionismus, sondern das blanke Märchen, einfach erzählt, einfach und wörtlich dargestellt, pure Romantik. Danach hatte es Solti ausdrücklich verlangt: nach einem romantischen "Ring", naturalistisch; er wollte endlich wieder versuchen, "das zu tun, was Wagner wirklich schrieb". Hall bekannte, daß ihm das leichtgefallen sei. "Ich glaube an die Naivität des Theaters", sagte er, und an die Naivität des "Rings".

So sieht man in Rheingold viel action, die nichts weiter sein will und nichts anderes ist als spannend, und Sänger, die große Oper spielen, viel unbekannte junge Leute darunter, nicht überragend, aber ihren Rollen sehr gerecht. Ich war sehr amüsiert, aber auch gelangweilt. Dem sehr ti allerdings und dem Orchester, das muß ich sagen, habe ich – die Nervosität im "mystischen Abgrund" eingeschlossen – gern zugehört, wir werden sehen, wie es mit dem "Ring" weitergeht.

Manfred Sack