Die Befürworter gesetzlicher Sanktionen gegen die Verursacher des sauren Regens dürfen auch hierzulande fortan auf hochkarätige Argumentationshilfe rechnen. „Zu praktischen Zwecken“, so faßte ein Mitglied der Amerikanischen Akademie der Wissenschaften (kurz: AAS) letzte Woche die Tendenz eines Berichtes an US-Präsident Ronald Reagan zusammen, „kann die Relation zwischen langfristiger Durchschnittsemission und Ablagerung als linear angesehen werden.“ Und: Wollten „wir auf wissenschaftlich definitive Daten warten, können wir bei Umweltschäden einen irreversiblen Punkt erreichen. Es muß gehandelt werden!“

Erstmals stellt damit ein akademisches Gremium der westlichen Welt den Streit um inkomplette Daten hintan und formuliert ein Fazit: Weniger Schwefel in der Atmosphäre, das heißt weniger sauren Regen, mithin minder verheerende Folgen für Wälder und Seen. Kommentar der New York Times: Der „Wendepunkt in einer beunruhigenden Debatte“.

Der Report der AAS basiert auf einem Vergleich der Emissionswerte für Schwefeldioxid, das in Kraftwerken bei der Verheizung von Steinkohle etwa frei wird, und der in Böden gemessenen Sulphatablagerung. Die vergleichbare Relation zwischen Stickstoffoxid und Nitraten gilt zur Zeit als weniger gut untersucht. Herzstück des Reports ist die Beobachtung der Auswirkungen des sauren Regens im Hubbard-Brook-Forst im Nordosten der Vereinigten Staaten. „Hinlänglich verläßliche Daten“ – Analysen der seit 18 Jahren Woche für Woche genommenen Proben von Boden, Staubpartikeln, Niederschlag und Luftgasen – deuten nach Auffassung der Forscher darauf hin, daß Schwankungen in den Konzentrationen von Sulphat und Nitrat den gemessenen Verunreinigungen an Schwefeldioxid und Stickstoffoxid im wesentlichen parallel verlaufen. Laborversuche unter den in der Atmosphäre vergleichbaren Bedingungen lassen vermuten, daß die Rate, mit der Sulphat entsteht, der Konzentration an Schwefeldioxid proportional ist. In einer Zusammenschau der Daten nennt das Expertenkomitee es ausdrücklich „unwahrscheinlich“, daß eine verringerte Schwefeldioxid-Emission nicht zu weniger saurem Regen führt.

Bis August will der Chef der US-Umweltbehörde erste Gesetzesvorschläge zur Problemlösung unterbreiten. Sprecher der Industrie, vorab die Betreiber der für die Verunreinigung zunehmend angeschuldigten Kohlekraftwerke, reagierten prompt. Derlei Vorschläge seien „auf politischen Treibsand, statt auf den Fels der Wissenschaft“ gebaut.

Inmitten der nun aufbrechenden Kontroverse machte das Komitee, wenngleich in vagen Umrissen, ein noch übleres Zeichen an der Wand aus. Es gibt Anzeichen dafür, daß Mikroorganismen im Boden, die Stickstoff assimilieren, geschädigt werden. Ohne diese Aufbereitung zu Natriumnitrat und Ammoniumsalz aber kann keine Pflanze und kein Baum Stickstoff aufnehmen und in den Kreislauf der Atmosphäre entlassen. Und auf harte Daten dafür, daß diese Kette unterbrochen wird, wollte das Komitee nach eigenem Bekunden noch weniger warten als auf die Kausalbeweise beim sauren Regen. jenn