Von Hermann Bößenecker

Es gebe „weder Verhandlungen noch Gespräche“, versichert Manfred Lennings. Der Vorstandsvorsitzende der Gutehoffnungshütte Aktienverein (GHH) in Oberhausen dementiert kategorisch: „Die Frage eines Partners für uns ist nicht aktuell“

Für andere war sie es. Denn die GHH, Europas größter Maschinenbaukonzern, der mit einem breitgefächerten Produktionsprogramm vom Reaktordruckbehälter bis zur Rotationsdruckmaschine im vergangenen Geschäftsjahr fast neunzehn Milliarden Mark Umsatz gemacht hat, ist in schwere Bedrängnis geraten. Unbill droht der GHH vor allem von ihrer bei weitem wichtigsten Tochtergesellschaft, der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg (MAN), die im Geschäftsjahr 1982/83 mehr als dreihundert Millionen Mark verloren hat. Die MAN-Verluste schmälern nicht nur die Erträge der GHH-Holding, sie zwingen den GHH-Chef Lennings auch, schleunigst die Verlustquellen bei der einst so profitablen Tochtergesellschaft zu-stopfen, und den bisher an der langen Leine geführten Konzern zu reorganisieren.

Als sich Ende vergangenen Jahres die Verluste abzeichneten, hat der dominierende GHH-Großaktionär, der Assekuranz-Konzern Allianz Versicherungs-AG, schnell gehandelt. Allianz-Chef Wolfgang Schieren schickte seinen früheren Vorstandskollegen Klaus Götte, eben als Top-Manager bei Flick ausgeschieden, als Sanierungskommissar in den MAN-Aufsichtsrat.

Vorerst demonstriert Götte volle Einmütigkeit mit Lennings: „Wir wollen rasch die nötige Strukturbereinigung vornehmen.“ Es spricht vieles dafür, daß Lennings, bisher erste Klasse unter Deutschlands Bossen und von Fortuna verwöhnt, bereits ein Konzept für die Neuordnung bei MAN und GHH hat, doch er will es erst publik machen, wenn er im Herbst mit den Aufsichtsräten darüber gesprochen hat. Aber eines macht er schon jetzt klar: „Nach Lage der Dinge sind keine dramatischen Lösungen zu erwarten.“

Kann sich Lennings freilich auf die Unterstützung seines Großaktionärs verlassen? Skeptische Beobachter haben da ihre Zweifel. „Der Lennings spürt gar nicht, daß er die Schlinge schon um den Hals hat“, unkt einer. Allianz-Chef Schieren ist ohne Zweifel die Schlüsselfigur. Doch er weigert sich strikt, überhaupt zu seinen Absichten bei der Gutehoffnungshütte Stellung zu nehmen.

Auguren zweifeln nicht, daß Schieren selbst oder über Mittelsmänner schon Fühler zu möglichen Interessenten für ein Engagement bei der GHH ausgestreckt hat und daß ihm ein „industrieller Partner“ willkommen wäre. Viele Spekulationen ranken sich um den expansiven US-Konzern United Technologies Corporation (UTC) in Hartford/Connecticut. Zwar bestreitet Lennings, daß es Kontakte zu UTC gebe. Aber es ist bekannt, daß der umtriebige Chairman von United Technologies, Harry Gray, schon deshalb solch einer Verbindung nicht abgeneigt wäre, weil zu seiner Gruppe der weltweit größte Triebwerkshersteller Pratt & Whitney gehört, der wiederum eng mit der MAN-Halbtochter MTU Motoren- und Turbinen-Union München GmbH kooperiert, in der vergangenen Woche gingen Gerüchte um, die Allianz habe in der Schweiz ein Paket GHH-Aktien feilgeboten.