Es ist nicht obszön, ein Massentourist zu sein. In Riccione am „Teutonengrill“ der Adria zum Beispiel. Ein deutscher Massentourist unter Tausenden von italienischen, französischen, schwedischen, österreichischen und wer weiß sonst welchen Massentouristen.

Ich habe die Wärme der Sonne, die ja auf jeden und überall gleich langweilig scheint, und die Freundlichkeit meiner Liegestuhlnachbarn genossen, die einen Meter vor, hinter, rechts und links von mir ölig in der Hitze grillten.

Am Morgen um halb zehn Uhr, wenn das Ameisenheer der Urlauber von den Hotels zum Strand wanderte, bin ich mitgewandert, habe mich in den reservierten Liegestuhl mit der Nummer 519 zum Tagespreis von 3400 Lire gelegt, habe höflich nach vorn und hinten, nach links und rechts dreimal „buon giorno“ und einmal „Guten Tag“ gesagt. Dann noch „va bene“ und „Danke, mir geht es gut“, und dann haben uns die heißen Sonnenstrahlen die Sprache verschlagen.

Am Mittag sind wir alle im Planquadrat zwischen Eingang 86 und 87 aufgestanden und ins Hotel gegangen. Umgezogen haben wir uns alle im Speisesaal wiedergesehen, bei der anschließenden Siesta nicht mehr, aber wieder nachmittags um halb vier am Strand. Dann gemeinsames Abendessen und getrenntes Bummeln. Aber irgendwo auf der Uferpromenade, in der Viale Dante oder Ceccarini begegneten wir uns alle wieder. Es ist schön, im Urlaub nicht allein sein zu müssen. Das Leben hat seine eigene Ordnung und seinen gleichbleibenden Rhythmus, dessen gelegentliche Ausschläge dann auch ein bißchen Kultur in Rimini oder San Marino berühren.

Aber zur Entdeckung der touristenleeren Emilia Romagna im Hinterland bleibt keine Zeit. Im Reiseführer steht für die Urlauber, daß diese italienische Provinz sehr schön, grün, hügelig und fruchtbar sei.

61 830 deutsche Touristen kamen 1982 nach Riccione in der Emilia Romagna, in eine Stadt, deren Namen wie kaum ein anderer am Mittelmeer als Synonym für den geschmähten Massentourismus gilt. Mallorca und Benidorm in Spanien können allenfalls noch Riccione die schwesterliche Hand reichen. Verspottete Urlaubsziele, die gleichwohl seit dreißig Jahren eine magische Anziehungskraft für die Deutschen haben. Für den tumben Deutschen, versteht sich, für den lauten, plumpen, den Bundesbürger mit der Zipfelmütze des Michels eben.

Aber wie sehr ich auch in Riccione lauernd die Ohren spitzte, um meine Vorurteile zu bestätigen, ich fand die deutschen Urlauber nicht, die bierselig deutsches Liedgut in die laue Nacht schmetterten oder torkelnd ins Hotel wankten. Dicke Deutsche waren zu sehen, dünne, große und kleine, Durchschnitt eben wie Monsieur Dupont aus Lille oder Signore Amalfi aus Verona.