Die neue Bundesregierung macht ernst: Das Auto, schon von der sozial-liberalen Koalition als „Umweltfeind Nummer Eins“ gescholten, soll jetzt endlich entgiftet werden.

Vorige Woche hat das Bundeskabinett beschlossen, daß vom 1. Januar 1986 an bleifreies Benzin an deutschen Tankstellen angeboten werden soll. Gleichzeitig verfügte die Ministerrunde im Schlepptau von Friedrich Zimmermann, daß im selben Jahr neue Autos nur noch zugelassen werden, wenn sie mit abgasreinigenden Katalysatoren ausgerüstet sind. Jetzt ist Hektik im Innenministerium ausgebrochen. Denn noch ist der Kabinettsbeschluß nur eine Absichtserklärung. Detailvorschriften fehlen, Gesetzesentwürfe stehen noch aus. Aber schon im Herbst dieses Jahres sollen Parlament und Bundesrat endgültig entscheiden.

Was die Regierung Kohl da medienwirksam verkündete, ist freilich noch nicht durchdacht. Um Mensch, Wald und Flur vor schädlichen Auspuffschwaden wirklich zu schützen, genügt es nicht, bleifreies Benzin anzubieten und Abgasreiniger vorzuschreiben. Wenn nicht weitere technische Vorschriften und wirtschaftliche Anreize hinzukommen, dann wird es auch in den neunziger Jahren keine sauberen Autos geben. Auf die zu Recht gelobte Entscheidung der letzten Woche müssen weitere, zum Teil unpopuläre Vorschriften folgen: schärfere und häufigere Kontrollen alter und neuer Autos, steuerliche Anreize für den Kauf von sauberen Wagen, umweltfreundlichere Motoren. Andernfalls werden die Autos auch in zehn Jahren noch beinahe soviel Gift absondern wie heute.

Zunächst muß die Überwachung aller Autos reformiert werden. In der Bundesrepublik fahren heute über zwanzig Millionen Personenwagen mit bleihaltigem Benzin – diese Autos werden erst nach und nach auf dem Schrottplatz landen. Mehr als zehn Jahre wird es dauern, bis der letzte Wagen ohne Katalysator ausgemustert ist. Ein nachträglicher Einbau der Abgasreiniger in die heutigen Modelle ist nicht möglich. Zur Zeit werden die Autoabgase nur alle zwei Jahre, bei der vorgeschriebenen technischen Überwachung etwa vom TÜV, überprüft; und auch dann wird nur der Ausstoß eines Schadstoffs – Kohlenmonoxid – gemessen, während sich niemand um die anderen Gifte kümmert (siehe Kasten, Seite 10, „Die Gifte aus dem Auspuff“).

Wenn der Giftausstoß wirklich gesenkt werden soll, muß jedes Auto mindestens zweimal im Jahr kontrolliert und gegebenenfalls der Motor neu eingestellt werden. Im täglichen Fahrbetrieb ändern sich die Abgaswerte nämlich sehr schnell. Tests des TÜV-Rheinland zeigten: Einzelne Autos stießen mehr als die doppelte Menge der für Neuwagen zulässigen Giftstoffe aus. Nur wenn häufige Messungen – und die entsprechenden Korrekturen – zur Pflicht würden, ließe sich die Umweltverschmutzung durch Autos schnell und wirksam reduzieren.

Regelmäßige Überprüfungen in kurzen Zeitabständen sind erst recht angebracht, wenn die ersten Wagen mit Katalysatoren fahren. Denn die Abgasreiniger sind empfindlich (siehe Kasten, Seite 10, „Wie der Katalysator wirkt“). Wenn ein solches Gerät nicht funktioniert, was leicht passieren kann, sind die Abgase noch viel giftiger als bei Autos ohne Abgasreiniger. Der Fahrer aber merkt davon nichts. In den Vereinigten Staaten, wo es schon seit 1974 bleifreies Benzin – unleaded – gibt und wo gebrauchte Autos überhaupt nicht auf Abgase kontrolliert werden, sind Tausende nichtsahnender Amerikaner mit wirkungslosen Katalysatoren unterwegs.

Das Beispiel Amerika zeigt, daß man sich bei der Umstellung auf bleifreies Benzin nicht allein auf das Umweltbewußtsein der Verbraucher verlassen kann. Zwar versichern auch deutsche Autofahrer bei Umfragen immer wieder, zum Schutze der Umwelt zu Opfern bereit zu sein, oft aber erschöpfen sich die Bemühungen im demonstrativen Aufkleben von Stickern.