Der Reporter zeigte sich entzückt von der 25jährigen Schauspielerin und Tänzerin: „Um ihren verlockenden Mund spielte etwas herausfordern! Sinnliches. Ihre Haut war weiß, ihr welliges Haar wie die Ranken des Geißblatts, ihre Augen ungezähmt und wild, ihr Mund wie eine Granatapfelknospe. Dazu hatte sie eine umwerfende Figur und bezaubernde Füße, und sie bewegte sich in vollkommener Anmut.“

Die Ähnlichkeit mit lebenden Personen drängt sich auf, wenn sie sich gewiß auch in dieser Äußerlichkeit erschöpft. Kein Zweifel, dies hätte auch Sydne Rome gelten können, dem Star mit den staunenden Augen aus Polanskis Filmkomödie „Was?“ und Aerobic-Animateuse Nr. 1 in Europa. Er hat aber nicht sie gemeint. Die obigen Komplimente galten vielmehr einer Dame mit dem Künstlernamen Lola Montez. Um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts brachte sie mit ihrem „Spinnentanz“ England, Deutschland, Kalifornien (aha!) und sogar Australien in begeisterte Bewegung. Und glaubt man einer Beschreibung dieser Vorführung, mit der die große Eroberin eine Menge Gera verdiente, so läßt sich kaum leugnen, daß es sich dabei um eine Art Ur-Aerobic gehandelt haben muß: „Lola trat bei diesem Tanz in leuchtendbunten Röcken auf, die sie über einem fleischfarbenen Trikot trug. Im Laufe des Tanzes wurde jeder dieser Röcke gelupft und auf das Vorhandensein imaginärer Spinnen untersucht, die dann abgeschüttelt und totgetreten wurden ...“

Nun hat sich zweifellos seit Lolas Tagen die Breitenwirkung vergleichbarer Attraktionen um ein Vielfaches verstärkt, nicht zuletzt dank der Mechanismen einer medialen Flutwelle.

Der märchenhafte „big boom“ (Sydne Rome) erinnerte zu Beginn an „Des Kaisers neue Kleider“ – plötzlich sagte niemand mehr Gymnastik, sondern alle versuchten sich an der Aussprache des neuen Wortes „Aerobic“; humanistisch Gebildete wurden dabei nicht müde, auf das griechische „aerob“ zu verweisen. Sodann: Sexy Sydne und Jane begeben sich in die Vertikale und winken mit endlosen Beinen, bis das Kniegelenk vorschriftsmäßig hinter dem Ohr wieder zum Vorschein kommt. You’re looking great! Dritte Stufe: Viertausend Studios in sechs Monaten allein in der Bundesrepublik.

Alles andere scheint ein Problem der Ausdauer zu illustrieren. Indes: Kaum hat die Killer-Streck-Übung das Phänomen selbst sozusagen erledigt und dafür gesorgt, daß die ersten Studios in Atemnot geraten und schließen müssen, tritt Sydne erneut auf und erklärt, diese Katharsis sei ein zeß. Dahinter werde nun ganz bald Aerobic „ehrlich“ hervorkommen – ein ernstzunehmender Sport, eine Lebensphilosophie, ein ungemein effizientes Programm zur gleichzeitigen geistigen und körperlichen Formvollendung. Diese Interpretation verziert sie mit einem durchtrainierten Lächeln und fügt hinzu: „Wir haben noch eine Menge zu tun.“

Als eine Art permanenten Tätigkeitsbericht präsentiert sie folgerichtig auch ihr neuestes Projekt, das den Erfolg ihrer 25 000mal verkauften Videokassetten auf feste Beine stellen soll: Zum Streckenpreis von 6,80 DM joggt Sydne Rome’s Magazin auf den Markt (Startauflage: 160 000). Beinahe ganz von selbst wird die Leserin zur intimen Vertrauten der Namengeberin, die ihr auf 64 Seiten nicht weniger als 28 mal begegnet und außerdem zur Lebensbewältigung beiträgt: Wie Sie ihren Kaliumhaushalt in Ordnung halten.

Da nimmt es nicht wunder, wenn neben den Spöttern längst auch Neider auf die Matte getreten sind. Eine gewisse Linda Sunshine beispielsweise hat sich zum Sprachrohr der Aerobic-Frustrierten gemacht und schreckt nicht davor zurück, selbst das heilige „Brennen“ nach vorschriftsmäßig durchgequälten Übungen als verlogenes Versprechen zu demaskieren. Alternativ bietet sie eine weniger schweißtreibende Übung an: Wie Sie in Ihre Gymnastikhose kommen.

Was lernen wir für unser persönliches Wohlbefinden daraus? „Alles“, hat Jane einmal gesagt (und Sydne wird ihr zustimmen), „alles andere kann wegfallen – nur nicht meine Bodenübungen.“ Anna v. Münchhausen