Von Hans Jakob Ginsburg

Berlin, im Juli

Der Kreuzberger Mariannenplatz ist eine geradezu südländisch anmutende Piazza, hart an der Mauer, deren Anblick eine neoromanische Kirche freundlich versperrt. Der Rasen in der Mitte des Platzes gehört an den langen Sommerabenden den türkischen Kindern. Große und kleine Jungen, Mädchen – teils mit Kopftüchern, teils mit hübschen Frisuren – spielen bis in die Nacht hinein. Die Berliner sind hier nur durch Punks und durch eine Runde junger Leute aus einem besetzten Haus vertreten.

Die Bewohner der teuren Neubauten am Mariannenplatz, die dem Viertel nach den Vorstellungen der Stadtplaner sein Stigma nehmen sollen, haben keinen Anteil am abendlichen Leben im Freien. Die alten Kreuzberger halten ihre Positionen: ältere deutsche Frauen liegen in den Fenstern, ältere deutsche Männer sitzen beim Bier in ihren Kneipen. Die Kreuzberger Türken haben ihre eigenen Lokale. In den besser ausgestatteten laufen Videofilme.

Hat sich hier etwas geändert, seit deutsche Politiker das Ausländerproblem entdecken? Die Dominospieler geben eine entschiedene Antwort: Ja natürlich, die Deutschen seien viel feindseliger geworden. Die Türken erzählen von Schwierigkeiten ihrer Kinder in der Schule; von alltäglichen Beleidigungen wie sie ganz unpassend geduzt werden, immer wieder neue Haßparolen an Häuserwänden lesen müssen, wie von deutschen Kollegen bei der Arbeit gestichelt wird.

Aber das war doch vor drei, vier Jahren nicht anders? – Die Männer widersprechen. Es sei häufiger, es sei brutaler geworden – "oder jedenfalls merke ich mehr davon", sagt einer, "weil ich mich immer besser auskenne", und dann gebe es heute Politiker, in denen sie ihre Feinde zu erkennen glauben. Sie sprechen von Heinrich Lummer, dem Berliner Innensenator, und von Friedrich Zimmermann.

Was ist denn so schlimm daran, daß türkische Familien demnächst Geld bekommen sollen, wenn sie Deutschland wieder verlassen? – Der Älteste in der Runde, vierzig mag er sein, lacht. Zehntausend Mark oder ein bißchen mehr – das sei doch nur ein Klacks, gemessen an dem, was einer wie er in 18 Jahren der deutschen Sozialversicherung eingebracht habe. "Man will uns alle los werden.