Die 100 Meter – ein Rennen gegen die Leistungsgrenze

Von Uwe Prieser

er Lauf über 100 Meter ist das kürzeste Drama der Welt. Zehn Sekunden entscheiden über Triumph oder Scheitern. In zehn Sekunden kann ein neues Leben gewonnen, eine einmalige Chance vertan werden. Der Startschuß fällt, ein Film spult ab, so schnell, daß die Gedanken sich in Bildern überstürzen. Die Erinnerung verliert ihren Zusammenhang. Ein 100-Meter-Rennen hat keine Geschichte. Nichts als die reine Gegenwart.

Die ewig interessante Frage: Wie schnell ist der Mensch? Jeder Weltrekordler über 100 Meter ist eine Person der Zeitgeschichte. So schnell ist der Mensch! 40,909 km/h ist die höchste, bisher bei einem Menschen errechnete Durchschnittsgeschwindigkeit auf dieser Strecke. Der Amerikaner Bob Hayes erreichte sie 1964 bei den Olympischen Spielen in Tokio als Schlußläufer der 4×l00m-Staffel, als er sein Teilstück in 8,8 Sekunden zurücklegte; fliegend sozusagen.

Seit über 70 Jahren rennt der Mensch an seine Geschwindigkeitsgrenze heran. 1912 stellte der Amerikaner Donald Lippincott den ersten Weltrekord über 100 Meter auf: 10,6 Sekunden. Am 3. Juli dieses Jahres lief Calvin Smith, ein graziler, 22 Jahre alter Student aus Alabama, die Strecke in 9,93 Sekunden. Eine Viertelstunde zuvor war die 26jährige Kalifornierin Evelyn Ashford ebenfalls Weltrekord gelaufen und hatte als schnellste Frau der Welt gewissermaßen die Männer eingeholt: 10,79 Sekunden brauchte sie für die 100 Meter, und weil bei den alten, vom Kampfrichter per Daumendruck gestoppten Zeiten die menschliche Reaktionszeit von mindestens 0,18 Sekunden aufgeschlagen werden muß, läßt sich sagen, daß Evelyn Ashford 1983 so schnell war wie Donald Lippincott 1912.

Doch sind Ashford und Smith tatsächlich die schnellsten? Auch im Sport ist Geschwindigkeit relativ. Beide erzielten ihre Leistungen im gut 1700 Meter hoch gelegenen Colorado Springs, wo die Luft dem Läufer weniger Widerstand bietet. Diese physikalische Begünstigung haben Experten mit Rückenwind von 1,5 Meter pro Sekunde gleichgesetzt. Und jeder Meter Rückenwind mehr macht den Läufer eine Zehntelsekunde schneller; rechnerisch jedenfalls. Bei der ersten Leichtathletik-Weltmeisterschaft vom 7. bis 14. August in Helsinki wird es zum Duell der Weltrekordler mit ihren Herausforderern kommen, den „Flachland-Weltrekordlern“ Marlies Göhr aus der DDR (10,81) und Carl Lewis aus den USA (9,97).

Das Rennen gegen die Leistungsgrenze. Im Märchen hat man die Siebenmeilenstiefel erfunden, um den Menschen schneller zu machen. Im Sport erfand man den Startblock, die Kunststoffbahn, immer leichtere Schuhe und schließlich – die Hundertstelsekunde. Wieviel Raum hat der Mensch seiner Natur, die ihm Grenzen gesetzt hat, inzwischen abgerungen? Calvin Smith war mit 9,93 Sekunden rund 20 Zentimeter schneller als sein Vorgänger Jim Hines (9,95) – im 2200 Meter hoch gelegenen Mexico City. Der Deutsche Armin Hary, der 1960 als erster Mensch in jeder Sekunde zehn Meter zurückgelegt hatte und – allerdings handgestoppt – 10,0 gelaufen war, liegt gegenüber Smith um drei Meter zurück. Der berühmte Jesse Owens (10,2) um beinahe fünf, und Don Lippincott gar um über acht Meter. Also acht Meter Raumgewinn auf dem Weg zur Leistungrenze?

Wahrscheinlich keinen einzigen. Für viele gilt der vierfache Olympiasieger von Berlin, Jesse Owens, nach wie vor als bester Sprinter der Welt. Die fünf Meter Rückstand auf Smith werden über den allgemeinen Fortschritt der Menschheit abgebucht. Owens lief 1936 in Chicago 10,2 Sekunden. Elektrisch gestoppt, wären sie bestenfalls 10,38 Sekunden wert. Doch Owens lief ohne die Hilfe des erst ein Jahr später offiziell genehmigten Startblocks und mußte sich seine Startlöcher in die Bahn buddeln. Nachteil mindestens 0,10 Sekunden. Seine Laufbahn war aus Asche statt aus federndem Kunststoff. Nachteil abermals 0,10 Sekunden. Rechnet man noch die 0,15 Sekunden Höhenausgleich hinzu, steht Jesse Owens auf einmal bei 10,03 – in seinen alten schweren Schuhen, mit von der Wissenschaft noch unberührten Trainingsmethoden und viel, viel weniger Trainingszeit.

Dabei war Owens noch nicht einmal der erste 10,2-Läufer. 1921 waren für Charles Paddock die Uhren ebenfalls bei 10,2 stehengeblieben. Aber Paddock war 110 Yards gelaufen, das waren genau 100,58 Meter. 58 Zentimeter zuviel für die Sport-Bürokratie. Der Weltrekord wurde nie anerkannt. Nicht zuletzt, weil man die Zeit einfach nicht glauben wollte.

Das Rennen gegen die Leistungsgrenze war immer auch ein Rennen gegen die Grenzen der Vorstellungskraft. Armin Hary mußte dreimal 10,0 laufen, ehe diese Zeit einmal als Weltrekord anerkannt wurde. 1958 in Friedrichshafen lief er sie zum erstenmal. Man glaubte es nicht, kontrollierte die Uhren, maß die Strecke nach und fand schließlich heraus, daß die Bahn auf ihren 100 Metern ein Gefälle von elf Zentimetern hatte; zehn waren nur erlaubt. 1960 in Zürich lief Hary abermals 10,0 Sekunden, doch das Kampfgericht annullierte den Lauf. Es sei ein Frühstart gewesen, und die Startpistole habe geklemmt. Einige Stunden später lief Hary noch einmal 10,0, und diesmal akzeptierte die Jury die Zeit. Wenn auch etwas widerwillig.

Als der Breslauer Helmut Körnig 1926 die 100 Meter in 10,3 Sekunden lief, wurde das nicht als neuer Weltrekord gewertet, obwohl der gültige Rekord um eine Zehntelsekunde schwächer war. Damals konnten nach der gültigen Regel Weltrekorde nur um eine Fünftelsekunde verbessert werden. Inzwischen wurde das Meßverfahren um das Zwanzigfache verfeinert: auf die Hundertstelsekunde. Nicht, um das Absolute der Geschwindigkeit absolut zu machen, sondern aus Verlegenheit. Denn nach Zehntelsekunden gemessen, schien die Grenze der Leistung längst erreicht. Zehn Läufer waren zwischen 1960 und 1968 10,0 gelaufen; 14mal wurde zwischen 1968 und 1976 die Weltrekordzeit von 9,9 eingestellt. 1977 führte der Leichtathletik-Weltverband (IAAF) die elektronische Zeitmessung offiziell ein und mit ihr die Wertung nach Hundertstelsekunden.

Mitgelaufen war die elektrische Uhr schon lange. Bei Harys Weltrekord in Zürich hatte sie 10,25 Sekunden angezeigt. Für den Olympiasieger Tim Hines zeigte sie 1968 in Mexico City 9,95 Sekunden an, die bis zum 3. Juli 1983 beste elektrisch gestoppte Zeit. Doch das Absolute ist – siehe Jesse Owens – nach wie vor ganz schön relativ. Absolut ist allein der Athlet, der Weltrekord gelaufen ist; bis er von einem anderen besiegt wird.

Was sind das für Athleten, für Menschen, die einem solchen Ziel nachrennen? Der Freiburger Sportmediziner Professor Josef Keul nennt vier physiologische Grundlagen des Rekordsprints:

1. Das Herz-Kreislauf-System spielt für den Sprint keine Rolle, obwohl der Sprinter vor dem Start durch die Erregung einen Puls von 190 bis 200 hat. Harys Herz war mit 600 ccm kleiner als das eines Durchschnittsmenschen.

2. Die Atmung spielt ebenfalls keine Rolle, weil der Körper während des 100-Meter-Laufes keinen zusätzlichen Sauerstoff benötigt. Für Hary waren die 100 Meter bloß ein langer, tiefer Seufzer. Er behauptete, während eines Rennens überhaupt nicht zu atmen.

3. Der gesamte Energieumsatz des Körpers geschieht über die Energievorräte in der Muskelzelle; energiereiche Phosphate, die sehr schnell abgebaut werden, in Milchsäure umgewandelter Zucker.

4. Die Leistungsfähigkeit des Sprinters wird mitbestimmt durch die neuromuskuläre Koordination: den möglichst widerstandsfreien Weg des vom Gehirn als Impulskette in die Muskulatur gesandten „100-Meter-Programms“.

Sprinter sind Menschen mit schnellen Muskeln; weiße Muskelfasern mit wenig Blutfaserstoff und vielen Kontraktionselementen. Eine genetische Voraussetzung, die Keul auch auf das Selektionsprinzip der Natur zurückführt. Auf die Lebensbedingungen der Menschen.

Der Gepard ist schnell, weil er die Gazelle fressen will. Die Gazelle ist schnell – versteht sich. Warum ist der Mensch des spätindustriellen Zeitalters noch 40 Stundenkilometer schnell? Es steckt noch in ihm drin von früher. Vielleicht aber auch, weil er neugierig ist auf seine Grenze. Und weicht diese Grenze wie der Horizont auch beständig vor ihm zurück, eines Tages ... Schließlich drückt der Weltrekord über 100 Meter auch eine Illusion aus: den Traum vom Fliegen.