Von Berthold Bachter

Von Chinas starkem Mann Deng Xsiaoping wird berichtet, daß er wichtige Entscheidungen im Kreis seiner engsten Vertrauten am Bridgetisch zu treffen pflege. Böse Zungen behaupten sogar, sein Rückzug aus der offiziellen Politik habe auch damit zu tun, daß er mehr Zeit gewinnen wollte für das Kartenspiel.

Überliefert ist auch die Bridgeleidenschaft der amerikanischen Generale Eisenhower und Gruenther. Die Befehlshaber der US-Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg pflegten – nicht ohne Hintergedanken – für ihre Lagebesprechungen jeweils drei Stunden anzusetzen. Lange nach Ende des Krieges gestand Eisenhower ein: „Nach 30 Minuten waren wir meistens fertig. Dann kamen unsere Adjutanten dazu – und der Rest der Besprechung wurde mit Bridgespielen ausgefüllt.“

Doch Bridge ist kein Zeitvertreib nur für Strategen. Weltweit hat diese Spielart von Geistessport rund 120 Millionen Anhänger. In der inoffiziellen Liste der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen liegt Bridge damit an zweiter Stelle, hinter Tennis, aber noch vor Schach. Am weitesten verbreitet ist es in den USA, wo allein 250 000 in Klubs organisierte Spieler regelmäßig an Turnieren teilnehmen. Außer in den klassischen Bridge-Ländern Großbritannien und Frankreich ist das Spiel in Europa populär vor allem in Holland, Italien, den skandinavischen Ländern und – erstaunlicherweise – Polen und Ungarn. Auch in anderen Staaten des Ostblocks ist Bridge verbreitet. So hat etwa Rumänien während der gegenwärtig in Wiesbaden stattfindenden Europameisterschaften seine Aufnahme in die Europäische Bridge-Union beantragt. Nur in Albanien und der DDR ist das „kapitalistische“ Spiel verpönt; in der Sowjetunion wird zwar die Gründung eines Verbandes nicht gestattet, doch hat Bridge vor allem in den Baltischen Republiken, aber auch in Moskau und Leningrad viele Anhänger.

In der Bundesrepublik fristete Bridge lange Zeit ein Mauerblümchendasein. Zwar gehörten die Deutschen 1932 zu den Gründungsmitgliedern des ersten Europäischen Bridge-Verbandes, doch war diese Episode mit der Machtergreifung der Nazis beendet, die mehr Wert auf körperliche Ertüchtigung als auf geistigen Wettkampf legten. In den Jahren nach dem keine war für müßige Beschäftigungen ebenfalls keine Zeit; hinzu kam die Konkurrenz des „typisch deutschen“ Skatspiels. Erst mit dem wachsenden Freizeitangebot kam ein Aufwärtstrend. Mittlerweile sind etwa 12 500 Spieler im Deutschen Bridge-Verband regelmäßig und etwa 250 000 Menschen dürften regelmäßig im privaten Kreis spielen. Die Europameisterschaft im eigenen Land soll einen weiteren Aufschwung bringen.

Was macht die Faszination dieses Spiels aus, dessen Grundregeln relativ einfach, dessen Möglichkeiten jedoch schier unerschöpflich sind? Es ist Nur Zweifel die intellektuelle Herausforderung. Nur wenige Spiele, wie Schach oder Go sind vom Glück völlig unabhängig; mit Kartenspielen ist das so gut wie nie der Fall – mit eben der Ausnahme Karten Zwar ist man im Rubber-Bridge auf gute Karten angewiesen, doch gleicht sich der Kartenlauf langfristig meist aus. Und im Turnierbridge, insbesondere in Mannschaftswettbewerben, entscheiden allein Technik, Kampfgeist und Durchhaltevermögen.

Zum intellektuellen Anreiz kommt beim Bridge stärker als bei anderen Spielen das Prinzip der unmittelbaren Belohnung. Das Spiel dauert nur verhältnismäßig kurze Zeit – man rechnet im Durchschnitt acht Partien pro Stunde –, und jede neue Austeilung nicht eine neue Herausforderung dar. Aber es ist nicht nur die Selbstbestätigung, die der Spieler durch eine gelungene Durchführung erfährt; er hat in seinen Mitspielern oder auch Zuschauern ein fachkundiges Publikum, das gute Leistungen erkennen und würdigen kann – eine Anteilnahme, die viele im Alltag und in ihrer Berufswelt vermissen.