Kürzlich verlieh die Universität Bremen die Ehrendoktorwürde an Professor Adolph Lowe. Lowe, schon zur Zeit des Versailler Vertrages Sekretär bei Reichskanzler Gustav Bauer, ist ein Philosoph unter den Wirtschaftswissenschaftlern. Er war in den zwanziger Jahren der erste, der eine geschlossene Konjunkturtheorie entwickelte und energisch für eine aktive Krisenbekämpfung eintrat Einige seiner in fünfzig Jahren entstandenen Büchergehören zu den klassischen Werken der ökonomischen Wissenschaft des deutschen und englischen Sprachbereichs.

Von Adolph Lowe

Nach fünfzig Jahren spreche ich heute zum ersten Mal zu einer deutschen Hörerschaft und vor allem zu deutschen Studenten. Im März 1933 schloß ich meine Semestervorlesung mit den Worten: Auf Wiedersehen im Mai. Es ist jetzt Juni, und ein halbes Jahrhundert liegt dazwischen.

Ich will Sie nicht unterhalten mit einer Schilderung meines Emigrantenschicksals – der Bitterkeit nach verlorenem politischem Kampf – der Enttäuschung über abtrünnige Freunde – nicht zuletzt der materiellen Sorge und geistigen Vereinsamung in einer für eine lange Zeit unbekannten Fremde. All das war nur zu sehr die Wirklichkeit – aber es war nicht die ganze. Auf die Dauer wurde die erzwungene Emigration zu einer neuen Lehrzeit. Sie befreite mich aus der Enge rein nationaler Anschauung, von Vorurteilen, die meine politische und kulturelle Sicht entstellt hatten. Und so wurde ich fast unmerklich zu einem kritischen Weltbürger erzogen.

All das soll nicht heißen, daß ich Ihnen erzwungene Emigration als Bildungsmittel, empfehle. Ich erwähne es, weil es den Hintergrund bildet für das, worüber ich heute zu Ihnen sprechen möchte. Mit Alexander Rüstow könnte ich sagen: Es geht mir um die Ortsbestimmung der Gegenwart.

Nun ist es offenbar immer ein riskantes Unternehmen, den Ort bestimmen zu wollen, den die Gegenwart einnimmt in der Linie der historischen Entwicklung und gar daraus Schlüsse zu ziehen auf die Gestalt der Zukunft. Mangel an Tatsachen, Vorurteil, Hoffnung und Furcht verdunkeln das Verstehen. Und doch gibt es ein Kennzeichen, das gelegentlich als Wegweiser dienen kann, wenn nämlich die Gegenwart als ein scharfer Bruch mit der Vergangenheit erlebt wird. Genauso erscheint mir das 20. Jahrhundert und vor allem seine zweite Hälfte.

Das heißt nun keineswegs, daß sich aus einer richtigen Deutung der Gegenwart Genaues über die Zukunft erschließen ließe. Vielleicht aber läßt sich doch eines folgern, nämlich, in welcher Weise jede denkbare Zukunft von der bisherigen Erfahrung abweichen muß. Um es deutlicher zu sagen, so können wir nicht wissen, ob in den kommenden Jahrzehnten die Menschheit eine höhere Stufe der Zivilisation erreichen oder auf eine tiefere Stufe herabsinken wird, von nuklearer Vernichtung ganz zu schweigen. Aber, und das ist mein erster Leitgedanke, die bloße Tatsache solchen Nichtwissens sagt heute mehr aus als die triviale Feststellung, daß die Zukunft immer ungewiß ist. Das Dunkel, das heute über der Zukunft liegt, ist selbst die Folge der radikalen Umgestaltung unserer Lebensbedingungen.