Der 63 Jahre alte evangelische Gemeindepfarrer von Hirschaid bei Bamberg mag nicht mehr. Obwohl ihm das Pfarrergesetz erst mit 68 Jahren den Ruhestand zugesteht, ließ er sich jetzt pensionieren. In einem Brief an die Gemeinde begründete er seinen Schritt. Darin heißt es:

„Ein rechter ‚Pfaf‘ hatte ich werden wollen... Was heißt denn ‚Pfaf‘ ursprünglich? Das Wort ist entstanden als Abkürzung dieser vier lateinischen Worte: „Pastor fidelis animarum fidelium“ – zu deutsch: ‚Ein gläubiger Hirte gläubiger Seelen‘...

Seht Ihr, liebe Brüder und Schwestern, das hatte ich werden wollen – bei aller Unzulänglichkeit. Was aber mußte ich in diesen genau 34 Dienstjahren erleben? Daß die Situation eines Pfarrers unter den derzeitigen kirchlichen Verhältnissen leider sehr viel anders aussieht. Wo sind denn die gläubigen Seelen in unserer Gemeinde? Gott allem kennt sie... mögen es hundert sein, das wäre schon wunderbar und dankenswert. Dann aber stehen diesen hundert gut tausend andere gegenüber, die jahraus, jahrein kein einziges Zeichen geistlichen Lebens mehr geben.

Das also ist die heutige Situation eines volkskirchlich-landeskirchlichen Pfarrers: ‚Gläubiger Hirte gläubiger Seelen‘ soll er sein, will er sein – in Wirklichkeit ist er der gläubige Hirte einer Menge gleichgültiger Seelen ... Nun werden mich viele trösten: Laß sie doch, sie müssen das selbst verantworten. Wer nicht zur Kirche kommen mag, der läßt es eben bleiben. Aber dem ist ja gar nicht so. Einige wenige Male im Leben sucht auch das gleichgültigste Gemeindemitglied seinen Pfarrer doch auf: da braucht man ihn nämlich plötzlich. Das sind die vier klassischen Fälle: Taufe, Konfirmation, Trauung und Beerdigung. Mit einem Male ist der Pfarrer dann wichtig, ja geradezu unentbehrlich. Er fühlt sich dadurch keineswegs geschmeichelt, im Gegenteil: er sieht sich nun degradiert, herabgewürdigt zum bloßen ‚Zeremonienmeister‘...

Zehn Taufen hatte ich in diesem Jahr zu halten, aber kein einziges dieser zehn Kinder stammte aus einer Familie, von der man sagen könnte, sie nehme am Leben unserer Gemeinde teil... und welchen Sinn soll die kirchliche Beerdigung eines Menschen haben, von dem man nur sagen kann: Er zahlt die Kirchensteuern – das war aber auch alles! (Gipfelpunkt der Zumutung in meinem Pfarrerleben war ja jene Beerdigung, bei der nicht einmal die nächsten Angehörigen wußten, ob der Verstorbene evangelisch oder katholisch gewesen war)... Wenn ich Sonntag für Sonntag meine Gemeinde vor mir sehe, von meinen Konfirmierten sehe ich höchst selten einmal einen. Wo sind sie alle? Wozu wurden sie feierlich konfirmiert?

Heuer feiern wir Luther mit Pauken und Trompeten und brauchten doch ganz dringend einen neuen Reformator. Die wahren Veränderungen in der Kirche, schrieb neulich ein Pfarrer, seien noch nie von der Amtskirche ausgegangen. In der Tat: Der heilige Franz war kein Kardinal und Luther weder Unter- noch Oberkirchenrat. Dies, liebe Gemeindemitglieder, ist noch nicht mein letztes Wort – aber mein vorletztes. Und bitte: Laßt mich so still von hinnen ziehen, wie ich einst ausgezogen bin. Dies wünscht sich Euer Pfarrer Hermann Blos.“