Von Peter Kustermann

Kein anderes der nach dem Krieg entstandenen Länder galt von der ersten Stunde an so eindeutig als Land des Übergangs wie Württemberg-Hohenzollern. Wer erinnert sich noch dieses Ländchens südlich der Autobahn Stuttgart-Ulm bis zum Bodensee, oder gar des Fleckens Bempflingen auf halbem Wege zwischen Stuttgart und Tübingen, wo beim Passieren der Demarkationslinie Passierscheine und Ausweise überprüft, Rucksäcke und Koffer gefilzt wurden? Die junge Generation jedenfalls weiß damit nichts mehr anzufangen. Für die Ende des Dritten Reiches oder nach dem Krieg Geborenen haben höchstens die „historischen“, von Napoleon geschaffenen Länder Baden und Württemberg noch Erinnerungswert, nicht die kurzlebigen südwestdeutschen Länder nach 1945, die sich sieben Jahre später zum Bundesland Baden-Württemberg zusammenschlossen. Für viele der heute noch lebenden Akteure freilich, die nach dem Zusammenbruch darangingen, aus einer Trümmerlandschaft wieder Bewohnbares zu machen, ist Württemberg-Hohenzollern fast schon zu einer Legende geworden.

Die Landesgeschichtler haben von der Existenz dieses kleinen Landes bisher kaum Notiz genommen. Diese Lücke schließt nun das von Max Gögler (Regierungspräsident in Tübingen) und Gregor Richter in Zusammenarbeit mit dem früheren württemberg-hohenzollerischen Staatspräsidenten Prof. Dr. Gebhard Müller herausgegebene Buch:

Max Gögler und Gregor Richter (Hrsg.): „Das Land Württemberg-Hohenzollern 1945-1952“; Darstellungen und Erinnerungen; Verlag Jan Thorbecke, Sigmaringen 1983; 525 S., DM 32,-.

Württemberg-Hohenzollern war ein Zufallsprodukt. Am Anfang stand nicht der Wille freier Bürger, sondern ein Diktat. Es wurde gebildet, weil Besatzungsoffiziere südlich der Autobahn Karlsruhe-Ulm eine Demarkationslinie zwischen der amerikanischen und der französischen Zone zogen und aus den alten Ländern Baden und Württemberg drei machten: Württemberg-Baden im Norden, Baden mit Freiburg und Württemberg-Hohenzollern mit Tübingen als Landeshauptstadt im Süden. Es dauerte lange, bis alle Einwohner wußten, daß nun Tübingen und nicht mehr Stuttgart Residenzstadt, ja, daß überhaupt ein neues Land entstanden war, mit einem „Staatsrat“ an der Spitze, der Carlo Schmid hieß.

Es war ein kleines, überschaubares, überwiegend agrarisch strukturiertes Land, später von poetischen Feuilletonisten als „Glück im Winkel“ und als Zwergkönigreich umschrieben. Lange Zeit fuhr der Staatspräsident den requirierten zwanzig Jahre alten Maybach der letzten württembergischen Königin. Das Justizministerium hatte als einziges Dienstfahrzeug einen klapprigen Opel P 4, Jahrgang 1934. Der Landtag tagte welt- und verkehrsabgeschieden in der ehemaligen Zisterzienserabtei Bebenhausen. Die Abgeordneten hausten in den engen Mönchszellen, dankbar, wenigstens ein Dach über dem Kopf zu haben. Zufälligerweise hatte man auf dem Dachboden des Klosters eiserne Bettgestelle entdeckt. Damit wurden die im Winter eiskalten Zellen bestückt. Ein Tisch, ein Stuhl, dazu das gute alte schwäbische Waschlavor, das aus einer Waschschüssel und einem Krug mit kaltem Wasser besteht. Manchem Abgeordneten wurde damals bald verständlich, warum Mönchen früher ein so kurzes Erdenleben beschieden war.

Das Landtags personal bestand aus drei hauptamtlichen Mitarbeitern und einer halben hauptamtlichen Kraft. Im ganzen Haus gab es nur einen Telephonapparat, die einzige Schreibmaschine hatte der Verwaltungschef von zu Hause mitgebracht. Abgeordnetendiäten waren jahrelang unbekannt. Das Tagegeld betrug zwanzig Mark. Zuhörer verirrten sich selten in die Plenarsitzungen.