Bis zum letzten Ende und nach den vielen, nicht nur schelmischen Abschiedsauftritten und -tourneen war er der kleine Mann, der naive, auf sich stolze Mann, einer, der wie kein anderer so überzeugt behauptet hatte, glücklich zu sein, weil er Menschen glücklich machen könne. Wenn sie lachten, war er froh; wenn sie sich über seine Tränen amüsierten, auch die echten, zum Beispiel die, die er am Abend nach dem Tode seiner Frau vergoß, mit der er ein halbes Jahrhundert mit Freuden beisammen war, dann wußte er, daß er es richtig macht: ein Clown, "ein Klohn", wie er sagte.

Er war ein großer Clown, der letzte seiner Klasse – nach den Fratellinis, nach Rastelli ("das war ein feiner Junge") und nach Grock (der hatte ihn ermuntert, wieder aufzutreten und seinen Lorbeer frischzuhalten), nach Karl Valentin (der schenkte ihm ein Bombardon, weil er der einzige Mensch gewesen sei, der ihn zum Lachen zu bringen vermocht habe) und nach Charlie Chaplin (dessen Vornamen hatte er sich genommen). Nun ist er tot.

Er war niemals ein Dummer August, auch kein bloßer Spaßmacher wie der Manegen-Clown Popow, aber er taugte auch nie zum tragischen Clown, wie die Literatur ihn liebt, einem, der, während er spaßt, von Melancholie oder Suizidanwandlungen beschlichen wird und eigentlich ahnt, es habe alles ja doch keinen Sinn.

Er war auch kein Polit-Clown. Als ich ihn nach seinem imponierenden Comeback 1971 in München fragte, warum er nicht wie seine Landsleute Miró, Casals oder Picasso gegen Franco Partei genommen, sondern seine Arbeit auch im indirekten Dienst dieses und anderer Diktatoren getan habe, sagte er ohne einen Anflug von Verwirrung: "Ich bin ein Clown, ein Artist, und ein Artist ist für alle da, für die ganze Welt, wie ein Pastor, wie ein Arzt." Sein Publikum, fand er, sei weder ein Volk noch eine Nation gewesen, sondern das Individuum, deren jedes ein Recht auf therapeutische Hilfe habe, sei es durch Gebete, sei es durch Medizin, sei es durch Späße.

Seine Karriere war von der Art, die den Gefühlen gefällt: armer Zirkusleute Kind, bei einem Auftritt in der spanischen Stadt Cubellas, wo er zuletzt auch gewohnt hatte, geboren, "beinah geboren wie Jesus Christus", hatte Carmen, seine Frau, gesagt, "die hatten auch keinen Platz, auf’m Dach ist er geboren, und der Pastor brachte ein Huhn, damit sie eine Suppe haben." Mit drei Jahren trat er, Pappmache in die Höhe stemmend, als Gewichtheber auf; mit elf Jahren bekam er den großen wegbereitenden Erfolg in Paris. Von da an wirbelte es ihn in die Manegen und auf die Bühnen der ganzen Welt, nicht zuletzt auf die von Berlin: Die zwanziger Jahre waren seine goldenen Jahre.

Kurz vorher hatte er seine zweite Haut erfunden, seinen Clownshabit: Die Aluminiumnase saß im knallrot und knallweiß geschminkten Gesicht, eine Art architektonisches Zentrum in der Gesichtslandschaft, groß, steif und kantig; an den Mundwinkeln wölbte sich ein roter Strich erst aufwärts, dann zum Kinn hinab, dabei ein Herz, weiß wie die Augen, beschreibend, den Kopf krönte eine Glatze mit einer Girlande aus Büscheln roter Haare. Er trug ein knöchellanges tomatenrotes Trikot, das über dem Embonpoint zuletzt ziemlich spannte, die schwarzen Satinhosen darunter plusterten sich so weit, daß er sie raffen konnte beim Knicks. Und die Schuhe, das weiß jeder, waren riesengroß, groß genug für jemanden mit der Schuhgröße 36, um Affären damit anzetteln zu können. Von seinen Requisiten waren mir die Gitarre, Geige und der Stuhl am liebsten.

Von seinen Seufzern, seinen Klagelauten, dem kunstvoll stilisierten Jammer bleibt mir sein "huuu" im Ohr; er formulierte es mit gespitztem Mund, während sich, die Hände überm Bauch gefaltet, Kopf und Oberkörper schraubend in die Höhe wanden: Kammermusik eines Clowns. "Akrobat schööön!" war sein Vorkriegs-, "huuu" sein Nachkriegssignet.