Es muß ein bitterer Abend gewesen sein für Ruth Leuwerik. Da hätten, die Zuschauer des Zweiten Deutschen Fernsehens („Ihr Pogramm“) dem Lieblings-Star unserer CSU-Politiker mit einem machtvollen Votum ihre Reverenz erweisen können, doch statt des „Lieblings der Götter“ (in Schwarzweiß) wählten sie schnöde Burt Lancaster und Kirk Douglas (in Farbe), die zur besten Sendezeit am Samstag ihre Abrechnung am O. K. Corral von Tombstone betrieben.

Seit sieben Wochen schon verschönt uns das ZDF den Sommer mit einer ganz neuen (in der Schweiz und in der DDR allerdings bereits erprobten) Form des bürgernahen Fernsehens. Sie und ich (und jedermann, der eine Postkarte riskiert) dürfen das Programm mitbestimmen: beim „Wunschfilm der Woche“. Drei Werke der eher leichten Muse stehen jeweils zur Wahl: Komödien, Western, Krimis, Ausstattungsstücke, Abenteuerfilme. Im ersten Anlauf, am 18. Juni, setzte sich Ludwig Ganghofer („Das Schweigen im Walde“) gegen Doris Day („Bettgeflüster“) und Annie Girardot („Anklage: Mord“) durch: ein schöner Triumph des deutschen Gemüts über den welschen Unterhaltungskram. Aber auch der hat seine Chance, wenn ihn unsere Hildegard Knef adelt: Zwei Wochen später siegte „Schnee am Kilimandscharo“ (eine der schwächsten Hemingway-Verfilmungen, aber mit Hilde) vor Ernst Lubitsch („Ninotschka“) und einem Krimi von Claude

Nur unsere zahlreichen Rühmann-Verehrer sahen, wiederum zwei Samstage später, betreten in die Röhre, denn Volkes Wille forderte Belmondo, der in Farbe focht (als „Cartouche, der Bandit“), während der beliebte deutsche Star seine klassische Kommissar-Rolle („Es geschah am hellichten Tage“) nur in Schwarzweiß absolvierte. „Wenn ich für Farbe bezahle, will ich auch Farbe sehen“, forderte schon vor vierzig Jahren der legendäre MGM-Boß Louis B. Mayer. Auch die Deutschen haben es am liebsten bunt. Nur ein einziges Mal war ihr „Wunschfilm“ in Schwarzweiß: „Arsen und Spitzenhäubchen“ siegte gegen einen weiteren Schwarzweißfilm und John Hustons verschwenderisches Toulouse-Lautrec-Porträt „Moulin Rouge“. Aber einen zwergwüchsigen Maler, der in allerfrivolsten Kreisen verkehrt, wollen wir nun wirklich nicht sehen.

Ob es nun am Wetter lag oder am Kraut-und-Rüben-Prinzip des Angebots oder schlicht nur daran, daß es nichts zu gewinnen gibt: Die Beteiligung am „Wunschfilm“-Spiel ist so gering, daß das ZDF sich weigert, die Zahl der Einsender zu nennen. In manchen Wochen sollen es weniger als zehntausend Zuschauer gewesen sein, die ihren „Wahl“-Schein einschickten. Aber warum soll ich mich für „M“ von Fritz Lang stark machen, wenn ich doch weiß, daß Peter Lorre und Gustaf Gründgens (in Schwarzweiß) völlig chancenlos sind gegen einen „Pyjama für zwei“ (sehr bunt)? Von den ganz wenigen wirklich erstklassigen Filmen, die das ZDF offerierte, kam nur Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte“ durch.

Schlecht ist die Idee nicht, aber man könnte es wohl besser machen. Warum stellt man nicht drei Filme von Fritz Lang zur Auswahl, oder drei Lubitsch-Komödien, oder drei klassische Western, Thriller, Horrorfilme? Nur wenn drei Filme von vergleichbarer Qualität zur Entscheidung stünden, wäre die „Wahl“ spannend und vergnüglich. Das DDR-Fernsehen bietet immerhin thematisch verwandte (wenn auch zum Teil fürchterliche) Kino-Stücke an: mal Berlin-Filme, mal Indianer-Filme.

Nach sieben „Wunschfilm“-Wochen im ZDF wissen Western-Freunde, daß sie nur zum Zug kommen, wenn die anderen Angebote in Schwarzweiß sind, wissen Verehrer von Fritz Lang und Ernst Lubitsch, daß sie eine hoffnungslose Minderheit sind. Und ich weiß, was ich am nächsten Samstag tue, wenn Robert Redford, Yves Montand und Henry Fonda (in drei ausgesucht mittelmäßigen Filmen) in meine Kammer drängen. Ich enthalte mich der Stimme und versuche eine Freiluft-Inszenierung meines Lieblingsfilms: Blondinen bevorzugt. Hans-Christoph Blumenberg