Legor et legar, pflegte der alte Schopenhauer zu sagen, „man liest mich, und man wird mich lesen“. Er war glücklich darüber, und er behielt recht; man liest ihn immer noch und weit mehr als den verhaßten, verachteten Feind, den „beispiellosen Unsinnschmierer“, Hegel – welcher stärkeren Einfluß immerhin gehabt haben mag. Denn ihn konnte man auslegen, abwandeln – „vom Kopf auf die Füße stellen“, was noch. Schopenhauers Werk ist komplett, nicht fortzusetzen, nichts daran zu deuteln. Nicht einmal er selber setzte das im 31. Lebensjahr Vollendete eigentlich fort. Da gibt es nur das Vorwerk, die Abhandlung über den Satz vom Zureichenden Grunde, das „Hauptwerk“, dreißig Jahre später den zweiten Band des Hauptwerkes und Beiwerke, die wieder nur Zusätze, Illustrationen zum Hauptwerk sind, ebenso wie der zweite Band. Er war stolz darauf. Als Motto zu den gesammelten Werken setzte er „Non multa“ –, hinzuzufügen sed multum: nicht Vielerlei, sondern Viel. Auch war er sich bewußt, im Hauptwerk, mithin auch in den Nebenwerken, nur einen einzigen Gedanken zu entwickeln, weswegen er im Ersten Band sogar die Einteilung in Kapitel vermied. Ein einziger Gedanke – unbestreitbar ergab daraus sich eine gewisse Monotonie; auch eigentliche Wiederholungen fehlen nicht. Was den Leser gefangennimmt, was die Lektüre dieses im ursprünglichen Sinn des Wortes philosophischen Werkes zum Genuß macht, ist die Buntheit in der Monotonie: die Fülle an Tiefsichten, zumal psychologischen, der ungeheure Reichtum an Beispielen aus allen Wissenschaften, wozu noch eine nie endende Kette von schlagenden Zitaten kommt: Es zeugen für die eigene Weisheit die Weisen aller Vergangenheit, die Heiligen, die Philosophen, die Dichter, die Griechen, Römer, Spanier, Engländer, Franzosen, Italiener, auch die Deutschen, hier neben Goethe vor allem die Mystiker Angelus Silesius, Jakob Böhme.

Den Unterschied zwischen Band I und Band II des Hauptwerkes beschreibt er selber: Der erste Band habe „das Feuer der Jugend und die Energie der ersten Konzeption“; der zweite „die Reife und vollständige Durcharbeitung der Gedanken, welche allein den Früchten eines langen Lebenslaufes und seines Fleißes zu Theil wird“. Früchte besonders aus naturwissenschaftlichen Studien. Daß man das Werk nicht nur ganz und hintereinanderweg, sondern zweimal lesen müsse, steht in der allerersten Vorrede, der am schärfsten abschreckenden, mit der je ein Autor sich einführte. Es stimmt aber nicht. Zumal im zweiten Band, dem nicht nur reiferen, auch weniger streng konstruierten, aufgelockerteren mag man mit Gewinn herumlesen, durchaus ohne das Ganze zu kennen, wie solches, tief bewegt und getröstet, der todesnahe Senator Thomas Buddenbrook tut.

Es ist Philosophie, wie junge Menschen sie sich erwarten: Alles kommt da vor, was grübelnde Jugend bewegt, und weit mehr als für Martin Heidegger gilt für Schopenhauer der Ruf, mit welchem der aus Messkirch seine „Phänomenologie“ definierte: „Zu den Sachen selbst.“ – Zu was Anderem sollte Philosophie denn gehen?

Ja doch, zur Erkenntniskritik, Wissenschaftslehre, Logik. Für einen Lehrer der Erkenntnis hielt Schopenhauer sich allerdings, für Kants wahren Nachfolger oder Vollender. Ein Mißverständnis. Denn von den beiden Namen, mit denen im Titel des Hauptwerkes die „Welt“ bedacht wird, wiegt „Wille“ unvergleichlich schwerer als „Vorstellung“, obgleich diese das erste Wort hat: „Die Welt ist meine Vorstellung.“ Soll heißen: Sein ist – für uns – nicht ohne Bewußtsein, wir können uns Vorstellung nicht vorstellen ohne Vorstellung. Aber wir wissen doch, daß Sein einmal, sogar auf dieser Erde, ohne Bewußtsein, ohne Leben gewesen ist. Sicher – aber wieder nur in unserer Vorstellung. Dabei bleibt es; und viel ist es nicht. Was unser Philosoph vom „Solipsismus“ sagt, der nur von Geisteskranken ernstgemeinten These, er, dies Ich, sei das einzig Reale, gilt auch für Schopenhauers ersten Satz: Sie sei wie eine Festung, uneinnehmbar zwar, aber ohne jede Bedeutung, zumal ihre Garnison nie aus ihr herauskönnte. Weit ernster, fruchtbarer ist der andere Grundgedanke. Er wird genannt schon im ersten Paragraphen der ersten Betrachtung, wo er keineswegs hingehört, der Philosoph muß sein Geheimnis alsbald preisgeben: der Träger der Vorstellung, der all-eine Träumer des Traumes von Sein ist der „Wille“. Der Wille, der sich „objektiviert“ in allem Sein, von der unorganischen Materie zur Pflanze, zum Tier, zum Menschen, zum Bewußtsein des Menschen – dort und nur dort könnte er sich gegen sich selber richten und sich aufheben. Das Wort „Wille“ erfährt keinen Zusatz; nicht Wille zum Dasein, zum Leben, zur Lust, zur Macht; nur Wille überhaupt. Er ist in jeder Individuation ganz, am ganzesten, höchsten objektiviert aber im Menschen.

Denn der Wille erreicht nie dauerhaft, was er will. Alle Befriedigung, alle Lust ist nur vorübergehend, alle Not stellt alsbald sich wieder her, sie, der Schmerz, ist das Positive, seine Überwindung nur eine flüchtige Negation, die Qual des gefressenen Tieres größer als die Lust des Fressenden, das selber gefressen werden wird. Eine Lebensphilosophie also, ein Bericht vom wüsten, grausamen, sinnlosen Kampf ums Dasein, von Hunger und Sexualität, dazu ein Traum von Erlösung durch endliches Durchschauen des Lebenswillenswahnes. Das Überzeugende, Hinreißende liegt in der Darstellung. In der Sachnähe, im überaus redlichen und bei aller Tiefe gesunden Verstand des Deutenden, in dem, was Nietzsche das „Englische“ in ihm nennt, so wie andere früh das Französische, Voltairianische in ihm erkannten. Auch das Deutsche? Da käme es auf die Frage an, was denn „deutsch“ sei. Jedenfalls ist ein klares, kraftvolleres Deutsch nie geschrieben worden.

So wie, für Schopenhauer, der „Wille“ in jedem Individuum ganz da ist, so ist seine Philosophie in jedem Kapitel ganz da. Wer „Metaphysik der Geschlechtsliebe“ gelesen hat oder „Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich“, der kennt sie ganz – und möchte dennoch und eben darum das Ganze lesen. Dabei will ich gestehen, daß gerade diese beiden Abhandlungen, so sehr sie den Leser in ihren Bann schlagen, mich nicht völlig überzeugen. Die erstgenannte nicht, weil hier die Liebe ausschließlich als eine List der Natur erscheint, kraft derer sich die Partner suchen und unvermeidlich finden, um den gesundesten ihnen möglichen Nachwuchs zu erzeugen – die Liebe als Täuschung, denn die Lust ist immer dieselbe, gleichgültig, mit wem man es treibt... Das ist entschieden zu einfach gesehen.

Das Kapitel über den Tod: Wir werden danach sein, was wir vor der Geburt waren, der Tod als Erlöschen eines kurzen Aufflackerns zwischen zwei Unendlichkeiten; und da der „Wille“ bleibt, so werden wir, leider, wiederkommen, in anderen Individuationen, so wie das welke Blatt im Frühling wieder erscheint im neuen Grün ... Ja, aber der Mensch ist doch etwas anderes als ein Blatt, und die rasende Egozentrik des einzelnen hat kein Philosoph eindrucksvoller beschrieben als gerade dieser Was hilft ihm in seiner Todesangst sogar das Durchschauen des Scheines, in der Theorie, wenn er nicht ein Heiliger ist oder sehr, sehr lebensmüde?

Unter den unzähligen Gedanken, in denen der Grundgedanke sich variiert, zuletzt noch ein paar, welche des Lesers eigene Ahnungen zu erleuchten besonders geeignet sein mögen.

Wir handeln, wie wir müssen, gemäß dem Prinzip von Ursache und Folge, von dem es kein Entrinnen gibt. Das macht uns aber nicht unschuldig. Denn nicht nur wollten wir sein von dem Moment an, in dem der Vater seine ersten verliebten Blicke auf die Mutter warf: Wir wollten auch so sein, wie wir geworden sind.

Daß wir uns im tiefsten Grund der All-Einheit des Willens dennoch bewußt sind, zeigt sich in dem Grauen, das wir vor dem Argen empfinden, was andere Menschen traf, nicht nur zu unserer Zeit, auch in ferner Vergangenheit. Dem erlaube ich mir hinzuzufügen: ebenso in der Zukunft. In König Ludwigs XV „Nach uns die Sintflut“, in Winston Churchills „Ich werde froh sein, wenn ich dann tot sein werde“ stimmt etwas nicht, wir ahnen es, ohne es zu wissen. So leicht wie durch den Tod können wir uns unserer Mitverantwortung für Zukünftiges, für alle Zukunft nicht entziehen...

Golo Mann

Ausgabe, 11 Bände in Kassette; Diogenes, Zürich, 1977; zusammen 3792 Seiten, 120,– DM

Golo Mann, Historiker und Schriftsteller, veröffentlichte u. a. die Biographie „Wallenstein“