Kiel

Dieses Schiff ist kein Schiff, wie es im Buche steht: Es ist ein Missionsschiff. 250 Tonnen Schriftgut hatte die MS Logos an Bord, als sie am Donnerstag der vergangenen Woche am Kieler Bahnhofskai festmachte. 2000 Titel umfaßt die schiffseigene Literaturausstellung, die seitdem täglich von 11 bis 22 Uhr geöffnet hat. Bestseller: die Bibel.

Seit zwölf Jahren ist die Logos auf den Weltmeeren unterwegs, um das Wort Gottes unter die Leute zu bringen. Die vergangenen fünf Jahre schipperte sie in asiatischen Gewässern. Kiel ist der 300. Hafen der unbefristeten Kreuzfahrt. 133 Gläubige bilden die Besatzung des Schiffes. Es sind junge Männer und Frauen aus 23 Ländern, die für ein, zwei Jahre auf Geld und festen Boden unter den Füßen verzichten, um im Geiste des Neuen Testamentes Missionsarbeit zu leisten.

An Land, wie’jetzt in Kiel, werden nicht nur Bücher verkauft. Gemeinsam mit freikirchlichen Christengemeinden organisieren die Schiffer Gottesdienste, Diavorträge und Folkloreabende, bitten die Einheimischen an Bord zum Gespräch über Gott und die Welt. „Wir wollen zeigen, daß Christsein nicht nur etwas ist, was man am Sonntag in der Kirche tut“, sagt der Schweizer Michael Bosshardt, der vor Jahren seinen Beruf als Maschinenbauingenieur aufgab und jetzt die Landprogramme der Logos plant.

Bosshardt gehört wie die gesamte Besatzung zur „Operation Mobilisation“, die als agiles Missionswerk vor 25 Jahren von jungen Amerikanern gegründet wurde. Gott spricht durch die Bibel, waren sie überzeugt und hatten sich gefragt, wie die Bibel denn zu den Menschen komme, wenn nicht durch sie. So charterten sie klapprige Lastwagen und kamen Bibeln für die Indios in die mexikanische Wildnis.

Die „Operation Mobilisation“ arbeitet weltweit. Selbst in Westberlin wird missioniert: „Türken-Teams“ versuchen, Moslems zu christianisieren. Auch die Hindus auf dem indischen Subkontinent sollten bekehrt werden. Nun ist Indien zwar weit entfernt, ragt aber recht praktisch in den Ozean. Da hat sich das Missionswerk ein Schiff gekauft, „Wort“ getauft (Logos) und auf die buddhistische Landzunge gesetzt.

Die Logos war in Kuwait, Hongkong, Kalkutta, in Singapur, Manila, Lagos und Bangkok. Im Südchinesischen Meer nahm sie Flüchtlinge auf, 92 Vietnamesen, die hungernd und durstend in zwei Booten zusammengepfercht auf der See trieben. Das war 1981. Im selben Jahr konnte das Schiff auch in Rotchina anlegen. Buchausstellungen in Schanghai und Peking lockten Scharen chinesischer Christen an. Bücher durften sie nicht kaufen; so lasen sie und machten sich Notizen.

Michael Bosshardt erzählt das alles auf der Pressekonferenz in Kiel. Er will nicht den Eindruck von der Logos als eines „Seelenverkäufers“ entstehen lassen, Mit Mormonen und Zeugen Jehovas habe man nichts gemein. Das Schiff sei nicht in Kiel, um junge Menschen mitzuziehen. „Wir heuern niemanden spontan an“, beruhigt er mißtrauische Journalisten, „Aussteiger schon gar nicht.“

Wer sich als junger Mensch für das Leben auf der Logos entscheidet, dessen Eltern müssen einverstanden sein, dessen Gemeinde muß beten und auch spenden, denn aus dem Bücherverkauf allein kann sich das Schiff nicht finanzieren.

Jürgen Sachs aus Stuttgart, zweiundzwanzig Jahre alt, war zwei Jahre an Bord. „Es war hart“, sagt er mit weicher Stimme, „aber ich habe viel gelernt.“ Seine sanften Augen leuchten auf, wenn er von Jesu Botschaft spricht.

Das Leben auf See ist schwer. Kaum Platz, wenig Demokratie, so gut wie keine Sexualität. Freundschaft zwischen Mann und Frau ist im ersten Jahr an Bord tabu. Verboten sind schon starke Gefühle, die Sehnsucht nach dem anderen Menschen, „weil das von der Bibel ablenkt“, wie Jürgen Sachs erklärt. Alle betonen das herzliche Miteinander auf dem Schiff, die Gemeinschaft über Nationengrenzen und Hautfarben hinweg, doch wenn zwei Menschen sich finden, dürfen sie nicht verschiedenen Rassen angehören. „Cross Culture meint Jürgen nur dazu, „ist nicht erlaubt.“

Die „Operation Mobilisation“ steht der „Evangelischen Allianz“ nahe, einem bundesweiten Zusammenschluß freier Christengemeinden. Doch die Logos nimmt jedermann auf, der einer Hauptgruppe der christlichen Kirchen angehört – auch Katholiken. „Wir wollen uns nicht als neue Kirche verstehen“, meint Michael Bosshardt. Auf dem Schiff darf jeder seinen Glauben leben.

Bis Montag bleibt die Logos in Kiel. Vom 17. bis zum 24. August ist sie in Cuxhaven, anschließend bis zum 5. September in Emden. Auch dort soll den Landratten Programm über den Bücherverkauf hinaus geboten werden. „Wir wollen in Deutschland nicht versuchen, den örtlichen Buchhandlungen nachzueifern“, sagt Bosshardt. „Der Büchermarkt ist hier mehr als Anregung zu sehen, sich erneut mit biblischer Literatur zu beschäftigen.“

Aber das Kultbuch der neuen deutschen Christlichkeit fehlt im Sortiment: Franz Alts „Frieden ist machbar“ erläutert die „Politik der Bergpredigt“ zu politisch. Nachrüstung ist kein Thema auf der Logos. Friedlich liegt das Schiff am Kieler Kai, sechs Kriegsschiffe der Nato liegen gleich nebenan. Bald ist Ostseemanöver.

Ulrich Stock