Beachtlich

„Frontstadt“ von Klaus Tuschen, einem 30jährigen Autodidakten, der das modische Berliner Nacht- und Neon-Kino um ein überraschend ansehnliches Stück bereichert hat. Ganze 55 000 Mark soll diese „No Budget“-Produktion gekostet haben. Doch die notwendigen technischen Mängel gehören zum ruppigen Charme des Films, der lässig einige Außenseiter-Geschichten (die sich nie zu einer wirklichen Story bündeln) mehr andeutet als erzählt. Wir begegnen dem Musik-Kritiker einer Stadt-Zeitung: auf der Suche nach schnellem Sex. Wir kreuzen den Irrweg eines jungen Punks: auf dem Weg in die Selbstzerstörung. Wir folgen einem aus Westdeutschland zugewanderten Angestellten, der lieber Musik machen möchte: auf der Piste durch die Nacht-Kneipen. Außerdem gibt es zu sehen: eine Assemblage von Typen aus der „scene“, diverse Mädchen, den Herzog-Darsteller Bruno S. („Stroszek“) und die Sängerin Joy Rider in Gast-Auftritten. Anders als in neueren Berlin-Filmen wie „Asphalt-Nacht“ oder „Kalt wie Eis“ ist Tuschens Blick auf den fahlen Bauch der Stadt kein touristisch-voyeuristischer, der die kaputten Attraktionen der Nacht so routiniert ausbeutet wie die Stadtrundfahrten inzwischen das Fixer-Elend und den Christiane-F.-Mythos. Tuschen kennt sich aus, er gehört wohl selber zu dieser in vielen Verkleidungen schillernden Neon-Welt. Aber sein Film ist mehr als ein Poesie-Album für Insider. Er ist, meistens jedenfalls, von lakonischem Witz, manchmal auch melancholisch, selten albern, immer mit einem genauen Gespür für den Jargon und die Stilisierungen der Streuner auf ihren kleinen Fluchten. Auch eine Musik-Nummer bleibt im Kopf: „You are leaving the American Sector.“

Hans-Christoph Blumenberg

Kurios

„Jaguar lebt“ von Ernest Pintoff ist einer jener Filme, die gut taugen fünf Kino 7 großstädtischer Kinozentren: wo aus dem Kino 2 Dialogfetzen eines Truffaut-Films und aus dem Kino 9 schrilles Gelächter über den neuesten Celentano-Klamauk herübertönen. Undwo das niemanden stört. Die Welt ist schließlich in Gefahr. Und nur der positive Held, hier „Jaguar“ genannt, kann sie retten (gespielt wird er vom muskulösen Joe Lewis, einem ehemaligen Karateweltmeister – und dabei angeblich Nachfolger von Chuck Norris, dem absoluten Star aller „Kino 7“-Filme). Anfangs lebt „Jaguar“ zurückgezogen im amerikanischen Westen, allein mit seinen Kühen und seinem schwarzen Freund Woody Strode. Barbara Bach aber überredet ihn, wieder zu arbeiten. So rettet er die Welt, indem er kreuz und quer über die Kontinente jettet. Irgendwo in Südamerika streitet er mit Donald Pleasance herum, und in Rom flirtet er mit Capucine. In Madrid philosophiert er mit John Huston, und in Hongkong besteht er glänzend die Kampfprüfungen, die Christopher Lee ihm stellt. Wenige Bilder und ein Titel genügen, um zu bezeichnen, in welchem der zahllosen Länder er gerade ist. Für Paris genügt der Eiffelturm. In Singapur redet er einmal mit seiner Dienststelle in Washington: indem er zu einem. Walkie-Talkie greift und sofort Verbindung hat – über Satellit. Überzogene Starauftritte, kuriose Ortswechsel, betonte Unwahrscheinlichkeit. Jaguar lebt“ zeigt: In durchgängig miserablen Filmen sind es besonders die verrückten Details, die eine immerhin fünftklassige Qualität herstellen. Norbert Grob

Schlaff

„Octopussy“ von John den, dem früheren Cutter und Action-Regisseur der James-Bond-Serie. Seine Beförderung zum Chef-Regisseur (seit 1981: „For Your Eyes Only“) ist der Figur von Ian Flemings 007 schlecht bekommen. Roger Moores Bond, ein schlaffer Lebemann, geht im Dauer-Feuerwerk der Sensationen völlig unter. Siehe auch ZEITmagazin Nr. 32. HCB

Empfehlenswerte Filme

„Das Gespenst“ von Herbert Achternbusch. „Die flambierte Frau“ von Robert Van Ackeren. „Eine ganze Nacht“ von Chantal Ackerman. „Diva“ von Jean-Jacques Beineix. „Der Bienenkorb“ von Mario Camus. „Echtzeit“ von Hellmuth Costard und Jürgen Ebert. „Bolwieser“ von Rainer Werner Fassbinder. „Der Android“ von Aaron Lippstadt. „Café Malaria“ von Niki List. „Prince of the City“ von Sidney Lumet. „Grenzealos“ von Josef Rödl. „Carmen“ und „Zärtliche Stunden“ von Carlos Saura.