Streit um Bonner Wasser

Trinkwasser in Bonn – das ist eine ganz besondere Sache: Das Wasserwerk Plittersdorf versorgt fast 300 000 Einwohner mit jährlich über sechs Millionen Kubikmeter Uferfiltratwasser, vorwiegend Godesberg und die dort siedelnden Diplomaten; Bonn dagegen erhält unproblematisches Talsperrenwasser.

Die Bonner Stadtherren konnten den Vorwurf des Leserbriefes also nicht auf sich beruhen lassen. Sie wähnten den Ruf des (Godesberger) Wassers in Gefahr und zogen deshalb vor Gericht – und ließen dem Problem damit erst öffentliche Aufmerksamkeit zuteil werden.

Das Problem trägt einen chemischen Namen: ortho-Chlornitrobenzol.

Am 1. Oktober 1982 hatten die Niederländer, die fast ausschließlich auf Rheinwasser angewiesen sind, ihre Hähne vorübergehend zugedreht. Bei einer routinemäßigen Überprüfung des Flußwassers in ihrer Meßstation Lobith, gleich hinter der Grenze, waren ihnen hohe Anteile ortho-Chlornitrobenzol aufgefallen.

Zufällig befuhr im gleichen Zeitraum ein Laborschiff der niederländischen „Stiftung Internationa-– les Wassertribunal“ den Rhein. Es hatte bereits am 20. September eine extreme Verunreinigung des Stroms mit ortho-Chlornitrobenzol – zum Teil mehr als 100 Mikrogramm pro Liter – im Bereich der Mainmündung, rund 400 Kilometer flußaufwärts von Lobith, ermittelt. Diese Werte legten den Verdacht nahe, daß es sich um eine Verunreinigung der Hoechst AG handelt, deren Zweigwerk Griesheim eine Einleitungsgenehmigung für den Giftstoff besitzt.

Zwei Wochen später, am 13. Oktober, nahm im Wasserwerk Plittersdorf der leitende Chemiedirektor Rudolf Schildgen „aus gegebener Veranlassung“ eine Trinkwasserprobe und fand dort 0,72 Mikrogramm ortho-Chlornitrobenzol pro Liter. Wiederum 14 Tage später, bei einer erneuten Überprüfung, lag der Gehalt unter der Nachweisgrenze von 0,01 Mikrogramm/Liter. Die Befunde ließen erkennen, „daß die Anfang Oktober festgestellte Verschmutzung des Rheins mit Chlornitrobenzol inzwischen abgeklungen ist“.