Auf der Leinwand des Moskauer Festspielkinos werden die Todeszuckungen einer verrotteten Klasse als gepflegtes Kammerspiel zelebriert. Wohltemperiert wie der Wintergarten, in dem die Schwenks der Kamera meist enden, ist die Atmosphäre. Der Regisseur Gleb Panfilow gewinnt Gorkis "Wassa Schelesnowa" unerwartete Nuancen ab: als maßvolle Hommage auf Unternehmergeist und Erfolgsethos des russischen Kaufmannsstandes. Inna Tschurikowa, Panfilows Ehefrau und Hauptdarstellerin in all seinen Filmen, ist keine stahlharte Kapitalistin, sondern eine enttäuschte Liebende, ebenso Opfer wie Täterin. Aus dem Revolutionsaufruf wird ein gemächliches Leichenbegängnis. Nach einhundertunddreißig langen Minuten Pompe funèbre hält sanfte Lähmung Glieder und Sinne umfangen.

Bei aller Liebe zu den Klassikern, deren Schriften in der Sowjetunion gelesen werden wie bei uns Groschenromane, im selben Format und ebenso billig zu haben: Sehen so die Filme aus, die mehr als zweihundert Moskauer Kinos füllen? Schon um zehn Uhr morgens drängt ein stetiger Strom von Besuchern an die Kasse des leicht schäbigen Kinos nicht weit vom Kreml und vom Kaufhaus Gum. Die Marmorplatten des imposanten Aufgangs sind verkratzt und abgestoßen, und die geschwungene Treppe führt zu einem bescheidenen Saal mit knarrenden, ungepolsterten Holzklappstühlen.

Das Publikum ist so gemischt, wie es bei uns seit dem Ende der fünfziger Jahre nicht mehr im Kino zu finden ist: Hausfrauen in geblümten Schürzenkleidern und engen Strickjacken, mit Söckchen und Sandalen, verstauen ihre Einkaufsnetze mit frischem Gemüse unter dem Sitz. Großmütter in schwarzen Kopftüchern ermahnen die Enkel zum Stillsitzen, ein paar Teenager flüstern kichernd.

Der Kinobesuch gehört noch immer zu den populärsten Vergnügungen, auch wenn die Eintrittskarte nicht besonders billig ist. Bei einem Einkommen von 150 Rubeln fallen 40 oder 50 Kopeken schon ins Gewicht. Fast die Hälfte aller 150 jährlich produzierten Filme wird im bei uns verpönten, weil "fernsehuntauglichen" CinemaScope-Format gedreht. Die Ästhetik des "amphibischen Films", der fürs Kino wie fürs Fernsehen gleichermaßen geeignet sein muß, hat hier noch keine Anhänger gefunden.

Das Kino hat sich fast gefüllt, obgleich der Film schon seit einigen Monaten läuft. "Der Inspektor der Verkehrspolizei" von Eldor Ourazbaev ist eine biedere Durchschnittsproduktion. Die Polizisten, hinten aus einer amerikanischen Fernseh-Serie stammen. Kein Sidney Lumet klagt hier, wie jüngst in "Prince of the City", die Korruption der Polizei als Symptom allgemeiner Sittenverderbnis an, kein Robert Aldrich porträtiert in grellen Farben Polizisten als randalierende "Chorknaben", aber die Kritik ist unüberhörbar und am Ende kein Sieg der Gerechtigkeit in Sicht. Selbst bescheidene Filme wie dieser machen den harten Kurs der Innenpolitik verständlich, den Parteichef Andropow zum Erstaunen vieler Beobachter so schnell nach seiner Amtsübernahme einschlug. Mindestens ebenso verständlich wird, daß die Skepsis weiter verbreitet ist als der Optimismus.

Der Werkstattleiter, der sich seine eigene Herrenmoral zurechtgeschustert hat und dem die Polizisten gegen kleine Gefälligkeiten alle Verkehrssünden nachsehen, ist kein finsterer Feind der Gesellschaft. Nikita Michalkow, als Schauspieler in mindestens einem halben Dutzend Moskauer Kinos gleichzeitig zu sehen und Regisseur erfolgreicher, auch bei uns aufgeführter Filme wie "Sklavin der Liebe" und "Oblomow", spielt ihn mit gewinnendem, jungenhaftem Charme. Sein Widersacher, der neue Verkehrspolizist, ist nicht nur rothaarig, was auch in Rußland kein gutes Omen ist, sondern zudem eher ein penibler Streber als ein strahlender Volksheld. Und weil er das ganze feingesponnene Netz der kleinen Liebesdienste, mit dem sich so gut leben läßt, zu zerreißen droht, wird er nicht etwa für seinen Kampf gegen die Korruption mit Ehren überschüttet, sondern irgendwo auf dem Land kaltgestellt.

Die kleinen Katastrophen