Von Ulrich Greiner

Reden wir mal nicht vom Krieg und nicht von der Liebe, sondern vom guten, alten Abenteuer. Zum Beispiel von dem großen Seefahrer und Navigator Sir John Franklin, der bis zu seinem Tod nach der berühmten Nordwestpassage suchte. Darunter versteht man den Seeweg, der vom Atlantik zum Pazifik führt, westlich an Grönland vorbei und durch das nordkanadischarktische Archipel hindurch. Er wäre von Europa aus die kürzeste Verbindung nach Ost-Asien. Er ist es nicht, des Eises wegen.

Jahrhundertelang hielt sich das Gerücht von einer eisfreien Nordwestpassage. Er kostete einige hundert Menschen das Leben, auch John Franklin und seiner Mannschaft. 1847 erfror er im Eis. Noch heute gibt es dort oben eine Franklin-Straße. Sie ist nutzlos, gemessen an den Hoffnungen, die Franklin vorantrieben. Die Flugzeuge fliegen darüber hinweg.

Sten Nadolnys Buch "Die Entdeckung der Langsamkeit" ist ein historisch-biographischer Roman über das Leben John Franklins. Darin heißt es: Ich nehme mir Zeit, bevor ich einen Fehler mache", entgegnete Franklin freundlich. Mochte auch der Tod bevorstehen, das war kein Grund, eine Überlegung vorzeitig abzubrechen. Dies sagt Franklin auf einer seiner Erkundungsfahrten durch die Arktis. Bei einer Fußwanderung über ein ausgedehntes Eisfeld gerät ein Teil der Mannschaft in Nebel und verliert trotz Kompaß die Richtung. Franklin setzt sich nieder und denkt nach. Die Zeit, die er dafür benötigt, schürt in der Mannschaft Unmut und Hohn. Ungerührt folgert Franklin, daß sie auf einer riesigen, sich drehenden Eisscholle sein müssen und deshalb im Kreis gegangen sind. Er läßt in regelmäßigen Abständen so lange Musketen abfeuern, bis die Schiffsbesatzung antwortet.

John Franklins Langsamkeit hat die Mannschaft gerettet. Aus seinem spöttischen Gegner, dem schnellen Midshipman George Back, hat er einen Freund gemacht. Ich habe es leichter jetzt, dachte er, und mit Back gibt es kein Problem mehr. Die Könige des Schulhofs lernen es, auf mich zu hören. Damals hatte sich die Schulklasse auf einer Wanderung verirrt. John wußte den Weg, er hatte die allmählichen Veränderungen beobachte, den Sonnenstand, die Steigungen des Bodens. Aber niemand hörte auf ihn. Er war der Langsamste von allen, ein Objekt ständigen Spottes.

Einer der Lehrer erkennt die Langsamkeit Franklins als besondere Form der Intelligenz. Aus technischer Wißbegier studiert er die Wahrnehmungsfähigkeit seines Schülers. Er schreibt eine Studie über das Sehen und vererbt sie John Franklin. Darin heißt es: Langsam ist der Schüler F., weil er alles, was ihm einmal aufgefallen ist, sehr lange ansehen muß. Das ins Auge gefaßte Bild bleibt zur gründlichen Erforschung stehen, nachfolgende gleiten unbesehen vorüber. Schüler F. opfert die Vollständigkeit zugunsten der Einzelheit. In der Studie ist die Rede von der fatalen Beschleunigung des Zeitalters. Sie hat noch zugenommen.

Diese Beschleunigung ist ein doppelter Prozeß: ein soziokultureller, in dem die Menschheit mittels der Technik ihre Erdenschwere aufhebt und gedankenschnell wird; bei der rasenden Fahrt in die glückliche Zukunft verschwinden die Empfindungen nach hinten im Rückspiegel. Und sie ist ein individueller, ein schrecklicher Erziehungsprozeß: Das Kind, das am Anfang auf der unmittelbaren Einheit und Einzelheit beharrt, wird rücksichtslos zur Schnelligkeit angehalten, und diese muß immer größer werden, denn Schnelligkeit ist Leistung, und wenn sie abnimmt, wenn die Reaktionsverzögerungen des Alters eintreten, dann bleibt der Mensch am Rand liegen.

Nun ist Geschwindigkeit bekanntermaßen relativ. Der junge John Franklin ist für seine Bedürfnisse schnell genug. Er beobachtet die Bewegungen der Wolken bei Windstille, das Herumschwenken des Turmschattens von West nach Ost, die Kopfbewegungen der Blumen nach der Sonne hin. Er nimmt Dinge und Bewegungen wahr, die sonst keiner sieht, und zieht seinen Nutzen daraus.

John Franklin ist schnell wie die Sonne. Langsam ist er nur im Vergleich zu den anderen und ihren Forderungen. Der ewig ungeduldige Vater ist ihm nur dann verständlich und nah, wenn jener betrunken im Wirtshaus sitzt, verlangsamt durch den Alkohol. Franklin, so stellt ihn Nadolny uns vor, ist ein schwerer Mensch, unbeirrbar, wenn es ihm gelingt, sein Tempo den Verhältnissen aufzuzwingen. Aber er lebt in einer schnellen Zeit, Technik und Industrie beschleunigen das Leben. Auf der See jedoch fahren die Segelschiffe noch im Rhythmus des Windes und der Wellen. John Franklin wird Seemann.

Nadolny und sein John Franklin entdecken die Langsamkeit als menschenfreundliches Prinzip. Man könnte auch sagen: die Bedächtigkeit, den vorsichtigen Umgang mit sich selber und den Dingen. Nach manchen Niederlagen findet der schwerfällige Held dieser Geschichte das "Franklinsche System". Er notiert: Ich bin mir selbst ein Freund. Ich nehme ernst, was ich denke und empfinde. Die Zeit, die ich dafür brauche, ist nie vertan. Dasselbe gestehe ich auch anderen zu. Und: Die langsamere Arbeit ist die wichtigere.

Franklin verwirklicht sein System auf der See. Dort ist er zu Hause. Denn das Schiff ist ein überschaubarer, kleiner Kosmos, eingefügt in jenen großen Kosmos, den John Franklin mittels der sphärischen Trigonometrie, der Wetter- und Gezeitenkunde, der Kartographie studiert. So wird aus diesem Entwicklungsroman ganz logisch ein Seefahrerroman und aus Franklin ein Navigator und Entdecker neuer Kontinente. Er fährt nach Australien, erleidet Hitze, Skorbut, Sturm, Schiffbruch, er sucht die Nordwestpassage, begegnet feindlichen Indianerstämmen. Mit innen versteht er sich. Seine Angewohnheit, lange Pausen zwischen die Sätze zu legen, verschafft ihm hier Respekt Er gab seine Befehle, wie ein Zimmermann Nägel einschlug, jeden einzelnen so gerade und so tief, bis er hielt.

Zurück in London schreibt Franklin ein Buch über seine Reise. Er weiß: Das Buch mußte, wenn es seinen Autor rechtfertigen sollte, gut geschrieben sein. Das war eine Zeitfrage. Es mußte einfachsein, damit möglichst viele Leute begriffen, wie gut es war. Es mußte über dreihundert Seiten holben, damit alle, die es besaßen, sich damit sehen lassen konnten.

Das ist Sten Nadolnys Poetik. Er löst sie ein. Sein Roman ist gut geschrieben, er ist einfach, und er hat über dreihundert Seiten. 1980 erhielt Nadolny den "Ingeborg-Bachmann-Preis" in Klagenfurt. Während dieses öffentlichen Literaturwettbewerbs las er das fünfte Kapitel des damals noch nicht fertigen Romans. Dann wird erzählt, wie der fünfzehnjährige Franklin die Seeschlacht von Kopenhagen erlebt. Schnelligkeit erfährt er als Chaos und Tod, die eigene Langsamkeit als Fluch. Einen Dänen erdrosselt er nur deshalb, weil er zu spät begreift, daß die Pistole des Mannes ungeladen ist. Die Geschichte ist zugleich spannend und nachdenklich, ein Seestück und ein philosophischer Text. Ich war damals in der Jury und stimmte für Nadolny.

"Die Entdeckung der Langsamkeit" ist insofern eine Rarität, als dies ein freundlicher, geschichtenreicher, unterhaltsamer Roman ist, fern jener narzißtischen Selbstbespiegelung und depressiven Psychologie, von der viele Autoren nicht loskommen. Der Roman ist ebenso gut wie das damals ausgezeichnete Kapitel, fast. Denn völlig war ich damit nicht einverstanden. Nadolny hat nicht bloß einen philosophischen Roman und einen Abenteuerroman geschrieben, sondern auch einen historischen, der dem wirklichen John Franklin allzu dicht auf den Fersen bleibt. Und manchmal merkt man, daß der einundvierzigjährige Autor promovierter Historiker ist und eine Zeitlang Geschichtslehrer war. Dann suggeriert er in Schulfunkmanier Anschaulichkeit und Nähe, wo doch in Wahrheit der historische Franklin und seine Zeit weit von uns entfernt sind.

Nadolny ist immer dort besser, wo er frei erfindet. Die Gouverneurszeit in Tasmanien, das Warten auf neue Aufträge der Admiralität, die verschiedenen Heiraten Franklins, die letzte Fahrt in die Arktis – in diesem letzten Drittel des Romans verliert der Autor seine liebenswerte Phantasiefigur aus den Augen, und ein blasser historischer Franklin müht sich über die Seiten. Obgleich dies der Geschichte, die Nadolny erzählen will, schadet, so hat es doch seine Logik. Der Held der Langsamkeit entschwindet unserem Gesichtsfeld und kehrt zurück in den Nebel der Historie.

Sten Nadolny: "Die Entdeckung der Langsamkeit", Roman; Piper Verlag, München, 1983; 359 S., 34,– DM