Amtskirche und ihren Studenten

Bonn

Pünktlich zum Sommersemester ’83 erschien das neue Aktionsprogramm der Bonner Katholischen Hochschulgemeinde. Nichts Ungewöhnliches, wäre da nicht der lapidare Hinweis auf dem Deckblatt: „Betreten verboten! Diese Gemeinde ist geschlossen, gez. der Erzbischof.“ In einem bisher einmaligen administrativen Akt innerhalb der bundesdeutschen katholischen Kirche hat der Kölner Erzbischof Josef Kardinal Höffner seinem Bonner studentischen Nachwuchs „bis auf weiteres“ die Legitimation der christlichen Arbeit im Hochschulbereich abgesprochen.

Die Hochschulgemeinde wurde vorerst geschlossen, die Räume für Arbeitskreise und andere Zusammenkünfte gesperrt und jegliche finanzielle Unterstützung entzogen. Formale Begründung des Kölner Generalvikariats: Wegen des Rücktritts der beiden Studentenpfarrer Pater Klaus Ising und Pfarrer Josef Sauerborn sei praktische Gemeindearbeit nicht mehr zu gewährleisten. Sie ruhe, bis ein geeigneter Nachfolger gefunden sei.

Der Streit zwischen der Kölner Amtskirche und den jungen katholischen Studenten schwelt schon seit Jahren. Vor allem ihr politisches Engagement im Zeichen des Kreuzes ist dem obersten Dienstherr ein Splitter im Auge. Denn die Mitglieder der Hochschulgemeinde setzen sich jedes Semester erneut ein für die an den Rand Gedrängten, sie engagieren sich für psychisch Kranke, jugendliche Strafgefangene oder Waisenkinder, hinterfragen die Kirchenpolitik in Mittelamerika und bekämpfen die atomare Aufrüstung.

Den offiziellen Kirchenvertretern fehlt hier die nötige Ausgewogenheit. Doch Andreas Lob, streitbarer Theologiestudent und Mitglied des Gemeinderates, verweist auf das Evangelium als Grundlage ihrer Arbeit: „Für uns ist christliche Praxis Parteinahme für Arme, Unterdrückte und Ausgebeutete. Wir können nicht nur allgemein auf Unrecht hinweisen, sondern müssen dagegen ankämpfen, wollen wir nicht unglaubwürdig werden.“

Um diese „einseitige politische Aktivität“ zu unterbinden, die die Einheit der Kirche gefährde und nicht in Einklang stehe mit Glaube und Leben dieser Kirche, griff Kardinal Höffner bereits im Sommer vergangenen Jahres zu ersten drastischen Maßnahmen. Die beiden langjährigen Studentenpfarrer Martin Huthmann und Paul July, die das Vertrauen der Studenten besaßen, wurden kurzerhand abgelöst und durch die jetzt zurückgetretenen „linientreuen“ Geistlichen ersetzt. Ising und Sauerborn sollten im Auftrag der Kölner Bistumsleitung ein neues Konzept der Hochschulseelsorge durchsetzen und die Entpolitisierung der Gemeinde einleiten. Erste Amtshandlung: Das Schwarze Brett wurde von politisierenden Gemeindenachrichten gesäubert und der Arbeitskreis Homosexualität erhielt Hausverbot.