Jean-Jacques Rousseau – das sind wir alle. Mehr und mehr Menschen fühlen und denken wie er. Die Preisfrage der Akademie von Dijon für das Jahr 1750, ob die neuerliche Entwicklung der Wissenschaften und Künste zur Läuterung der Sitten beigetragen habe, würden viele heute gewiß ebenso emphatisch verneinen wie Rousseau, den seine Antwort berühmt machte. Wir sind mit Rousseau gegen Voltaire, gegen die Enzyklopädisten, die so töricht waren, sich vom materiellen Fortschritt zugleich den moralischen zu versprechen. Im Gegenteil: wie Rousseau schon vor mehr als zweihundert Jahren sind wir ernüchtert überzeugt, daß moralische Verluste die Kehrseite des wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts sind. Unter uns sind viele Verfechter des einfachen Lebens, die lieber auf das Gewissen als das Wissen bauen. Alle sehen, wie der menschliche Verstand, so gut und erfindungsreich im Kleinen, im Großen oft gräßlich in die Irre geht. Und wie Rousseau müssen wir unsere wichtigste Aufgabe darin finden, die unausweichliche, unaufhaltsame technisch-industrielle Verwandlung der Welt (die schon er konstatierte) nach Kräften zu bremsen, um die mit ihr einhergehende moralisch-gesellschaftliche Auflösung so lange wie möglich aufzuhalten. Gerade weil Rousseau einer pessimistischen Geschichtsphilosophie anhing, spricht er viele heute besonders an.

Der Contrat Social behandelt, außerdem bruchstückhaft, nur Ausschnitte dieser weitläufigen Thematik: eine menschenwürdige Regelung der politischen Verhältnisse, die Sicherung der Freiheit, die Errichtung einer stabilen Demokratie.

„Der Mensch ist frei geboren und überall liegt er in Ketten.“ Diese berühmte Fanfare am Eingang des ersten Kapitels, heute so aktuell wie 1762, läßt sofort ahnen, weshalb Rousseau seine Zeitgenossen erregte – und nicht nur sie. Es war der Ton, die Radikalität, mit der Rousseau überkommenes Gedankengut teils umformte, teils einprägsam neu formulierte, was die Menschen anrührte und mitriß.

Seit der Antike hatte man immer wieder über den Urvertrag, Herrschaftsvertrag oder eben Gesellschaftsvertrag als Grundlage geordneten menschlichen Zusammenlebens nachgedacht, zuletzt vor allem Thomas Hobbes und John Locke, mit denen sich Rousseau besonders auseinandersetzte. Ein Vertrag der Menschen untereinander – diese Vorstellung und keine andere ist es, die den modernen Staat, nicht nur die Demokratie begründet. Natürlich nicht in der geschichtlichen Wirklichkeit, nirgendwo. Das wußte auch Rousseau, der nach Jacob Burckhardts berühmten Worten „nicht zeigen will, wie es gewesen sei, sondern wie es nach ihm sein sollte“. Welcher Vertrag wäre nötig in einer Welt der Ungleichheit, Ungerechtigkeit, Unfreiheit – beim Kampf aller gegen alle?

Freiheit – betont, sehr modern, Rousseau – nicht Vernunft oder sein Geselligkeitsbedürfnis macht den Menschen aus. Freiheit unterscheidet ihn vom Tier, ist die Voraussetzung aller Moral Aber wie ist Freiheit möglich? Können die Ketten fallen? Rousseau weiß wie wir, daß der Naturzustand der Freiheit unwiderruflich dahin ist. Im Gesellschaftszustand seiner, erst recht unserer Zeit ist Herrschaft unvermeidlich. Wie muß sie aussehen, um die Freiheit des einzelnen zu sichern?

Voraussetzung ist ein freiwilliger Zusammenschluß, ein Vertrag untereinander, der Gemeinschaft begründet. In ihr ist jedes Mitglied geschützt, weil jeder Beteiligte nur sich selbst gehorcht und daher ebenso frei bleibt wie zuvor. Wie das? Weil die politische Gemeinschaft aus der Vereinigung aller einzelnen hervorgeht. In einer derartigen Verfassung unterwirft sich zwar jeder einzelne dem gemeinsamen Willen, aber da er ja selbst – in der Vorstellung Rousseaus – Mitglied der souveränen Gesetzgebungskörperschaft ist, also Regent und Regierter in einem, gibt er sich als Mitherrscher selbst die Gesetze, denen er sich dann als Bürger unterwirft, und kann damit seine Freiheit im Rahmen des allen Beteiligten Zugestandenen sichern. Jedenfalls theoretisch.

Dieses Modell ist natürlich nur auf kleinem Raum, bei einer überschaubaren Zahl von Bürgern denkbar. Rousseau bewunderte die antike Polis und war geprägt von den demokratischen Traditionen, von den aktuellen Machtkämpfen seiner Vaterstadt Genf. Er meinte daher, daß sich Demokratien nur für kleine, Aristokratien für mittlere und Monarchien für große Staaten eigneten. Sein Contrat Social ist insofern kein unmittelbar verwendbares Demokratiemodell moderner, großflächiger Industriegesellschaften. Aber Rousseau regt zum Nachdenken an über unsere eigenen Verhältnisse, ihre Rechtfertigung und Verbesserung, ja vielleicht zwingende Veränderung.